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Die Rothaarige

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„Die Rothaarige“
Satirische Erzählung über Haarfarben und Klischees

 

Oh man! Ist das mal wieder ein unglaublich öder und glanzloser Nachmittag!
Ich hocke am Küchentisch und starre die Wände an beziehungsweise die ollen Bodenfliesen. Sie sind so alt und abgenutzt, dass sich tiefe schwarze Risse gebildet haben, die wie Spinnennetze die einzelnen, ehemals weißen Quadrate durchziehen. Die schlecht verputzen Zwischenräume fangen an zu bröseln und wenn man barfuß geht, hat man andauernd kleine schwarze Steinchen unter den Fußsohlen und zwischen den Zehen kleben, so als wäre man über Kies gelaufen. Im Badezimmer das gleiche Spiel. Andere Wohnungen haben Laminat oder Linoleumböden, schön glatt und angenehm zu begehen, nicht so hart und kalt, und sicherlich auch einfacher sauber zu halten. Aber hier ist alles kaputt. Alles muss raus. Alles muss neu. Ich denke, ich wäre gerne eine Schlange und könnte mich häuten. In einen tiefen Schlaf fallen und meine alte Haut abstoßen, darunter eine wunderschön glänzende neue! Sauber und glatt, wie neu geboren.
Im Radio nerven  überdrehte Moderatoren mit ihren auswendig gelernten Scherzen. Gespielt gutgelaunt rasseln sie ihr Montags-Nachmittags-Programm herunter, das Ganze in einer kaum zu ertragenden Lautstärke. Mir wird ganz schwindelig von dem ganzen Gelaber und die quadratischen Fliesen tanzen vor meinen Augen hin und her! Sie reden über Haare, speziell über Haarfarben, die gerade im Trend liegen. Mit komischen Namen wie  Dunkle Schokolade, Honig, Amaretto, Organdi oder Marone . Hört sich eher an wie etwas Essbares, eine Eis-Sorte oder sowas in der Art. Hm, lecker!

„Wenn sich die Lebenssituation ändert, ändert Frau auch häufig Frisur oder Haarfarbe“, äußert sich eine Hobby-Psychologin gerade. Ich horche auf, erinnere mich an die „Hermetischen Gesetze“. Dort geht es um Analogien: „Wie oben, so unten; wie innen, so außen“, heißt es da. Alles hat eine Wechselwirkung. Nimmst du in einem Bereich eine Änderung vor, so hat das auch eine Veränderung in anderen Bereichen zur Folge!
Wenn Frau sich ändert, ändert sich häufig auch die Haarfarbe, wiederhole ich mantragleich.
Dann müsste das nach dem guten alten Hermes ja auch in die andere Richtung funktionieren: Wenn sich die Haarfarbe ändert, ändert sich die Frau! Ich beschließe, es zu versuchen. Was hab ich schon zu verlieren? Und es kostet ja auch fast gar nix. Hinzu kommt: Ich bin dunkelblond, aschblond, straßenköterblond; eine schlimmere Haarfarbe gibt es kaum und ich gefalle mir damit schon lange nicht mehr. Ich wirke einfach langweilig, nichtssagend, uninteressant. Die Idee gefällt mir von Minute zu Minute besser und gibt mir neue  Energie. Also ab in die Klamotten und auf zum Drogerie-Markt meines Vertrauens! (Leute, das ist doch wirklich eine clevere Art von Schleichwerbung, oder? Lach!)  Das Regal mit den Haarfarben ist riesig, eine ganze Wand mit einer Vielzahl an Produkten. Die Auswahl wird nicht einfach; ich seufze! Eine grell geschminkte Kunstblondine schleicht sich von hinten an und fragt, ob sie mir helfen könne und ob ich was Bestimmtes suche. „Nee, nee! Passt schon!“ murmel ich betont unfreundlich. Barbie gibt auf und sucht sich ein anderes Opfer. Ich hingegen starre wie ein hypnotisiertes Karnickel auf die bunte Palette an Färbemitteln, die alle das Gleiche versprechen: gesundes, glänzendes und fantastisch gefärbtes Kopfhaar, das Frau auf der Attraktivitäts-Skala bis an die Spitze schießen lässt. Wobei die auf den Packungen abgebildeten modellgleichen Grinse-Visagen mit jeder Haarfarbe gut aussehen würden, was natürlich nicht auf mich zutreffen würde! Bei mir muss die Auswahl der richtigen Farbe wohl durchdacht werden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gelingt es mir, das Angebot auf zwei Farbtöne zu reduzieren: Leuchtendes Kupferrot und Caramel-Braun stehen zur Auswahl.  Ich überlege, in welche Richtung ich mich denn nun verändern möchte. Braune Haare stehen für Treue, Bodenständigkeit und Pragmatismus. Rote Haare eher für Lebhaftigkeit, Leidenschaft und Spontanität, aber auch für Wankelmut und Sprunghaftigkeit. Hellblond steht für Naivität, Lebensfreude, Koketterie und nicht zuletzt für Dummheit, man denke nur an die vielen Blondinenwitze. Da kommt mir der Gedanke: Wie blöd muss Frau sein, wenn sie eine blonde Ostfriesin ist? Kicher. Da hat man ja echt die Arschkarte gezogen…Schluss und endlich entscheide ich mich für das Kupfer-Rot; nicht zuletzt, weil mir die alte Volksweisheit „Rostiges Dach- feuchter Keller“ in den Ohren klingt. In dieser Beziehung müsste sich dringend mal was ändern, denn ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Keuschheitsgelübde abgelegt zu haben. Meine Mitmenschen männlicher Natur scheinen aber  entweder genau davon auszugehen, oder mich für total unsexy und unattraktiv zu halten.

Ich kehre also mit zwei Packungen (ich habe sehr langes Haar) knallroter Haarfarbe im Gepäck in meine Bruchbude zurück, in der Hoffnung mich und mein Leben damit mal gehörig aufzupeppen. Ich schreite sofort zur Tat, Gebrauchsanweisung kurz überfliegen und los geht’s! 20 Minuten Einwirkzeit? Machen wir 40 draus. Das Produkt hält, was es verspricht, lässt sich super auftragen und ausspülen, und als ich nervös in den Spiegel schiele, blickt mich eine frischgebackene Rothaarige an. Ich wundere mich und komme mir vor, als hätte ich eine Perücke auf. Aber das wird schon, schließlich muss sich mein Auge erst an den ungewohnten Anblick gewöhnen und Inneres wie Äußeres müssen sich nun Schritt für Schritt an die neue Haarfarbe anpassen. Weder mein gewohntes Make- up (blauer Kajal, rosafarbene Rouge und Lippenstift)noch meine Klamotten (viel Lila und Blau) passen noch zu meiner neuen leuchtend-roten Mähne! Also ab in die City und neue Klamotten besorgen, um die Veränderung zu komplettieren! Ohne lange zu grübeln, wie ich es gestern noch getan hätte, wähle ich zielsicher Schminke und Klamotten in zarten Grün- Ocker- und Olivtönen aus. Rothaarige sind ja für ihre Impulsivität bekannt! Ein wenig Schwarz passt auch gut. Außerdem eine Kette und ein Armband aus Silber mit „Tigerauge“, ein Stein, der perfekt zu rotem Haar passt; meinen Rosenquarz verbanne ich in die Vitrine. Das niedlich-liebe Image werde ich hoffentlich schnell los, ein bisschen mehr „Hexe“ muss in mir stecken! Wie heißt es so schön “ Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überall hin“. Wieder zu Hause probiere ich erst einmal meine ganzen neuen Sachen an und natürlich auch einen recht spektakulären neuen Schminkstil mit reichlich schwarzem Eye-Liner und knallgrünem Lidschatten. So – fertig gestylt steht nun eine ganz neue Frau vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Apropos Schlafzimmer, wie sieht es hier überhaupt aus? Viel zu langweilig und unkreativ für eine Rothaarige. Ich beschließe meine übersprudelnde neue Energie als nächstes an meiner Inneneinrichtung auszulassen.

Dafür ist es heute allerdings schon zu spät, kurz überlege ich, mich etwas auszuruhen, sehe aber ein, dass eine Rothaarige so was nicht nötig hat und entschließe mich spontan wegzugehen, was trinken und dann noch in eine Rock-Disco. Da rothaarige Frauen selbstbewusst und freiheitsliebend sind, brauche ich keine Begleitung. Also auf geht’s, in so`nen ultrahippen Szene Laden im Retro-Style, wo ich mich sonst nie rein getraut hätte. Bereits am ersten Tag gefällt mir mein neues „Ich“ extrem gut! Etwas schwer fällt es mir, so eine gewisse Überlegenheit und Arroganz  gegenüber meinen farblosen Mitmenschen walten zu lassen, denn eigentlich bin doch eine recht freundliche  Zeitgenössin. An der Theke neben mir sitz ein etwas pummeliges Mädchen in viel zu engen Leggins und lächelt mich an, würde wohl ganz gerne mit mir ins Gespräch kommen. Ich ignoriere sie vollkommen, belächele nur mitleidig ihre stil- und glanzlose Erscheinung. Vielleicht sollte ich ihr zu einer Typ-Veränderung raten?

Ich beginne die Männer in dem Laden auf ihre Tauglichkeit  abzuchecken. Die sind entweder in weiblicher Begleitung, oder scheiden aufgrund körperlicher Defizite komplett aus. Ich sehe einen, der mit Sonnenbrille an der Tanzfläche steht, in einer Hand ein Bierglas. Au  weia, der Typ ist ja an Coolnes kaum zu überbieten! Ja, der käme vielleicht in Frage. Also ab auf die Tanzfläche (Ich bin mir gar nicht so sicher ob Rothaarige tanzen?) und vor seiner Nase ein bisschen die Hüften bewegt, möglichst unauffällig natürlich. Er glotzt durch seine Sonnenbrille in meine Richtung. Ich denke, vielleicht ist er ja einfach nur stoned und gar nicht cool? Ich beschließe, es herauszufinden, denn als Rothaarige bin ich Frau genug, den ersten Schritt zu tun und den Typ anzusprechen. Ich höre auf zu tanzen und stelle mich neben ihn. „Na, langweilst du dich?“ brüll ich ihm ins Ohr (man, ist die Mucke hier laut). „Ganz schön uncool der Laden oder?“ schiebe ich noch mit gespielter Lässigkeit hinterher. Dabei schmeiße ich mein rotes Haar gekonnt auf eine Seite und ziehe eine Augenbraue hoch. Er lächelt und sagt: „Auf jeden! Sollen wir wo anders hingehen?“ Ich überlege kurz und beschließe, einfach mal spontan zu sein und die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Schließlich suche ich doch einen Freund oder? Also sollte ich mir das Kerlchen mal näher betrachten. „Ja klar, sehr gerne!“, antworte ich also schnell und schau ihm dabei tief in die Augen… äh, ich meine in die Brillengläser. Während ich vor ihm her stolziere Richtung Ausgang, spüre ich, wie mein Herz schneller schlägt. Ich kenne diesen Typen ja gar nicht, vielleicht ist das ja ein psychopathischer Serienkiller. Ob Rothaarige wohl überdurchschnittlich häufig Opfer von Gewaltverbrechen werden? Also im Mittelalter war das ja tatsächlich der Fall. Brenn Hexe, brenn! Als erahne er meine Gedanken, lächelt er mich an und sagt: „ Keine Angst, ich bin ein ganz Netter!“ und nimmt dabei die Sonnenbrille ab. Das rechte seiner schönen braunen Augen wird von einem dunkelblauen Veilchen umrahmt. Das ist also der wahre Grund für die Sonnenbrille! Er lacht laut: „Ich dachte, mit der dunklen Brille hält mich jeder für bekloppt. Umso glücklicher bin ich, dass du mich trotzdem angesprochen hast.  „Trotzdem?“, denke ich und lächle gequält. Was mich wohl noch für Überraschungen erwarten? Vielleicht ist er ja Steuerberater oder Fahrkartenkontrolleur. Bitte nicht, lieber Gott! „Ich kenne da `ne nette Kneipe mit cooler Musik, gar nicht weit von hier“, schlägt er vor. „Wollen wir da hingehen, was trinken?“ Seine wirklich wunderschönen braunen Augen schauen mich fragend an. Ich nicke nur dümmlich, denn er hat mich so aus meinem Konzept gebracht, dass mir keine Verhaltens-Plattitüden mehr einfallen wollen. So schöne Augen! „Ich heiße übrigens Tim“, sagt er, „und noch etwas: Du hast fantastische Haare, einfach umwerfend!“ Die Rothaarige in mir jauchzt und ist wieder präsent. „Danke!“ antworte ich knapp und zeige mich unbeeindruckt. Doch mein Herz macht Luftsprünge! Wenn ich gewusst hätte, dass Rothaarige so ein aufregendes Leben führen…! Tim gefällt mir im Laufe des Abends immer besser. Er ist witzig, intelligent und kein Macho. Und auch kein Steuerberater, sondern Tätowierer. Ganz mein Typ! Während wir uns unterhalten, vergesse ich immer mehr, jemand anders zu sein. Ich werde immer mehr ich selbst und ich scheine ihm zu gefallen. Als wir die Kneipe verlassen, gesteht er mir, dass er erst Vorurteile hatte. Wegen meiner Haarfarbe und meinem starken Make up. Aber nachdem er mich nun näher kenne, haben sich diese in Luft aufgelöst. Er hätte gemerkt, dass er mal wieder auf gängige Klischees reingefallen wäre und dass man eine Person eben doch nicht nach ihrem Äußeren beurteilen könne! Ich wäre doch keine Zicke, sondern unkompliziert und einfach liebenswert. Außerdem überhaupt nicht oberflächlich. Die Rothaarige weint. Ich strahle! Da hab ich ja noch mal Glück gehabt!

Ich frage ihn, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn ich dunkelblond wäre. Er sagt, dass Haarfarben ihm scheißegal sind!

In diesem Sinne, lieben Frauen, traut euch was und habt Mut zu Veränderung! Bleibt dabei aber auf jeden Fall immer ihr selbst!                             

                                                                                                                                                      Eure Alexa B.

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