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Mitfahrzentralen – Berichte einer Mitfahrerin

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Mitfahrzentralen – Berichte einer Mitfahrerin

Es gibt sie schon lange, auch wenn durch die verstärkte Werbung oder die neuerdings extreme Internetpräsenz  der Eindruck entstehen kann, dass die verschiedenen Mitfahrgelegenheiten erst ein 6 oder 7 Jahre altes Modell sind.

Was genau ist das, wie nutzt man es, und was muss man da machen?
Erst eine kurze Begriffserklärung: Mitfahrgelegenheiten gibt es unter vielen verschiedenen Namen, meist sind sie im Internet auf eigens dafür eingerichteten Plattformen zu finden.
Du wohnst in Essen und willst nach Hamburg, Köln, Nürnberg oder gar nach Paris? Allerdings magst/kannst du nicht selber fahren, ein Zugticket ist dir aber zu teuer?  Dann such im Internet einfach jemanden, der auch diese Strecke fährt und kauf dich in sein Auto ein.
Da bietet zum Beispiel jemand eine Fahrt von Bahnhof zu Bahnhof – Essen nach Frankfurt. Auch steht dabei, welches Modell sein Auto hat, ob man im Selben rauchen darf und welche Gepäckgröße akzeptabel ist. Und natürlich wie teuer das Ganze wird. In diesem Beispiel handelt es sich um Essen – Frankfurt, da sind 15-18€ immer ein guter Preis. Der Fahrer/die Fahrerin gibt die Höhe der Mitfahrgebühr selbst ein, daher können die Preise variieren – allerdings fährt oft mehr als eine Person und man schreibt einfach den an, bei dem man das beste Gefühl hat.
Andersrum funktioniert das natürlich auch – man kann sich und sein Auto ebenfalls anbieten und Mitfahrer suchen.
Hat man sich entschieden, schreibt man den Menschen an und hofft, dass das gewählte Auto noch nicht ausgebucht ist, ist das nicht der Fall, tauscht man meist seine Handynummern aus. Ich persönlich kann Autos recht frauentypisch nur an der Farbe unterscheiden – wenn jemand sagt, er hat einen Golf 3 hat das für mich den selben Erkennungswert, als hätte er gesagt, er fährt einen Opel. Daher lasse ich mir immer das Nummernschild und die Autofarbe geben, damit ich am Treffpunkt erkennen kann, wenn meine Mitfahrgelegenheit eintrudelt.
Man findet sich immer – im Notfall ruft man einander an, daher auch der Austausch der Handynummern.
Ich halte diese Art der Reise für sehr vorteilhaft – nicht nur, dass es günstiger als der Zug ist – nein, es geht in einem Auto auch schneller als in einem Bus. Und, ein kleiner Bonus für mich, man lernt die unterschiedlichsten Menschen und deren Geschichte kennen und für ein paar wenige Stunden ist es mir gestattet, kurz in die Leben von Anderen hineinzuschauen. Das kann verstörend, lustig, langweilig oder auch sehr aufregend sein, so kann eine zwei Stunden-Fahrt schon mal gefühlte 8 Stunden dauern, eine 6 Stunden-Fahrt dagegen nur Eine.
Persönlich nutze ich diese Art der Reise schon seit den späten 90er Jahren – seit 1998, um genau zu sein. Darauf kam ich, weil ich Freunde am anderen Ende von Deutschland besuchen wollte, mir als Schülerin aber nichts Extravagantes (Wozu in dem Alter auch eine längere Zugfahrt zählte) leisten konnte. Und auch, wenn ich seitdem immer wieder höre, dass sich dieses Modell – gerade für das weibliche Geschlecht – wie ein Anbiedern zum Ermordet werden anhört, muss ich sagen, dass ich daran kleben geblieben und vermutlich auch nicht mehr davon wegzubringen bin. Für ganz Ängstliche gibt es streckenweise auch die „Von Frauen für Frauen“-Fahrten, die allerdings immer als Erstes ausgebucht sind.
Hier teile ich gern die ein oder andere Erfahrung mit euch, um euch mal ein wenig hinter die Kulissen schauen zu lassen – ich hoffe, dass ist interessant für die, die auch mal darüber nachgedacht haben, bei jemandem mitzufahren, sich aber nicht trauen, weil wir ja schon von Kindesbeinen an immer hören: „Du darfst niemals bei Fremden ins Auto steigen!“. Da gab es zum Beispiel…

Den Daddy
 
Als ich am vereinbarten Treffpunkt eintraf, fand ich das Auto, das mich mitnehmen sollte, zum Glück recht zügig.
Es war angefüllt mit einer fremdsprachigen, sehr lauten Familie – mein Fahrer, daneben seine Mutter, hinten neben mir die Großmutter. Alle unterhielten sich wedelnd und fuchtelnd und in einer Lautstärke, die mühelos die Clownshow in einem Zirkus übertönt hätte.
Ich genoss das sehr – obwohl ich wenig bis nichts verstehen konnte, fühlte ich mich direkt wohl, den auch ich komme aus einem lauten, hektischen und zuweilen sehr chaotischen Haushalt.
Während der Fahrt gab sich der Fahrer zwischendrin sichtbar Mühe, sich mit mir zu unterhalten, und obwohl ich das schätzte, wäre es nicht nötig gewesen, denn mir gefiel es, mich einfach von der Atmosphäre einfangen zu lassen und auf ihr dahinzutreiben.
Irgendwann änderte sich der Tonfall der Mutter vorn und sie begann, sich zu winden. Da erst bemerkte ich, dass sie eine Klarsichthülle umklammert hielt und nun hektisch in ihrem Sitz hin- und her rutschte. Der Fahrer und sie brüllten sich im Gespräch an und schon fuhren wir auf den nächsten Rastplatz.
Der Dame war doch wohl nicht schlecht geworden?
Als wir standen, fragte ich, was denn nur los sei, da sagte der Fahrer, dass er für seine kleine Tochter Marienkäfer gesammelt hatte, sieben Stück an der Zahl. In seinem Land gäbe es keine und er wollte die hübschen, roten Käfer seinem Kind zeigen.
Aufbewahrt wurden die Tiere in besagter Klarsichthülle, die die Mutter die ganze Zeit krampfhaft umklammert gehalten hatte. Nun war ihr einer der Käfer entwischt.
Ich wusste erst gar nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte – ich war hin und hergerissen zwischen Lachen, weil jemand Marienkäfer in einer Klarsichthülle sammelt und Rührung, weil er so sehr an seine Tochter dachte und ihr was Hübsches mitbringen wollte.
Webildr nun denkt, dass sich die Autotüren geöffnet und alle fluchtartig das Fahrzeug verlassen haben, weil sich ein hochgefährliches Insekt mit Tentakeln und modrigem Dämonenschlund aus seinem durchsichtigem Gefängnis befreit hatte und nun auf der Mission war, seine Peiniger zu vernichten – weit gefehlt. Im Gegenteil! Es mussten alle Türen und Fenster geschlossen bleiben, denn das Tier musste ganz dringend gefunden, in die Enge getrieben und wieder in seinen Kerker geworfen werden!
Vielleicht war in deren Land ja sieben eine Glückszahl und es war unaussprechlich, nur sechs Gäste zu einer Party mitzubringen – keine Ahnung.
Jedenfalls verbrachten wir vier Insassen eine gute Viertelstunde damit, auf engstem Raum herumzurutschen, uns zu verrenken und mit Handytaschenlampen jeden Winkel auszuleuchten, denn der Flüchtige musste wieder her.
Und ja! Wir haben ihn gefunden. Er hatte sich vor dem Tachometer in eine dunkle Ecke gelegt. Zweifelsohne, um den Feind auszuspähen und einen Vergeltungsplan auszuarbeiten. Ja, zweifelsohne.
Der Käfer wurde wieder eingetütet und weiter ging die Fahrt. Der Rest verlief ohne weitere Pannen, aber das war schon eine ziemlich außergewöhnliche und auch recht lustige Abwechslung zur monotonen Autobahn.

JK

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