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Kurzgeschichte

Das Osterversprechen

Als an diesem Morgen im April die Sonne langsam hinter den Bergen emporstieg und die Landschaft in ihr orangefarbenes Licht tauchte, war es, als spiele der Himmel die Ouvertüre zu einem ganz besonderen Tag. Es war Ostern; Tag der Auferstehung unseres Herrn, in dem kleinen Dorf im Berchtesgadenern Land, direkt am Fuße der nördlichen Alpen. Der Dichter Dr. Ludwig Ganghofer schrieb einst folgende, treffende Worte über die Schönheit dieser Ge-gend:“ Wen Gott liebt, den lässt er fallen auf dieses Land.“
Der Winter hatte – wie jedes Jahr – zu guter Letzt nun doch kapituliert und die Natur erwachte aus ihrem Dornröschenschlaf. Zarte Frühlingsblumen lugten zaghaft aus der Erde, als fürchteten sie, doch noch von der winterlichen Kälte überrascht zu werden. Die Laubbäume trugen unzählige Knospen und zartes Grün spross soweit das Auge reichte. Wie immer waren die Kirschbäume die ersten, die in voller Blüte standen, um das Auge mit ihrer Pracht zu beeindrucken. Im Tal schlängelte sich ein kleiner Bach durch Wiesen und Auen, an dessen Ufern sich bereits blaue Enziane und blassgelbe Anemonen drängelten. Etwas höher an den Hängen, die von Bergwiesen und Weiden bewachsen waren, leuchteten Felder von blauen und weißen Krokussen und Armeen gelber Osterglocken glitzerten im Morgentau. Über all dieser Schönheit thronten mit majestätischer Erhabenheit die Gipfel des Watzmann-Massivs.

Madeleine seufzte und dachte, dass es wohl kaum ein Menschenherz auf dieser Erde gäbe, das beim Anblick dieser ganzen Pracht nicht vor Freude hüpfte. Wie Liebende verschmolzen Landschaft und Licht zu einer einzigartigen Farbenpracht und voll extatischer Freude stieg die Sonne immer höher über die Bergkronen. Nichts erinnerte mehr an die Schrecken der Nacht; dabei war diese wohl die furchtbarste und einsamste ihres ganzen Lebens gewesen. Jene Nacht war trotz vollem Monde tiefschwarz und kalt und am liebsten hätte Madeleine die Erinnerung an die qualvollen Stunden für immer verbannt. Madeleine war Hebamme und stets voll ausgebucht, da in den Dörfern noch viele Frauen eine Hausgeburt der Entbindung in einem sterilen Krankenhaus vorzogen. Das Kind das gestern das Licht der Welt erblickte, hatte es nicht besonders eilig gehabt, die behagliche Wärme des Mutterleibes zu verlassen und nach vielen Stunden qualvoller Wehen waren alle Beteiligten völlig erschöpft. (In erster Linie natürlich die Gebärende selbst, die nach jeder weiteren vergeblichen Presswehe den lieben Gott um Erbarmen anflehte.) Aus diesem Grunde hatte Madeleine entschieden trotz vorgeschrittener Stunde den Weg zurück durch den Forst über den Kamm zu nehmen. Die Dunkelheit kam schneller als erwartet und obwohl sie diesen Weg zum wiederholten Male beschritt, schaffte sie es diesmal, irgendwie vom Weg abzukommen und sich hoffnungslos zu verlaufen. Die Nacht war einfach zu finster und die Dunkelheit so total, dass man nicht die Hand vor Augen sah. Nachdem Madeleine stundenlang vergeblich durch das Unterholz geirrt war und vor lauter Erschöpfung kaum noch einen Fuß vor den anderen zu setzen vermochte, kam sie zu dem Entschluss, besser an Ort und Stelle zu verweilen und auf die Rückkehr des Lichtes zu warten, als weiterhin kopflos umherzuirren. Sie setzte sich also einfach auf den Boden und lehnt sich mit dem Rücken an den dicken, glatten Stamm einer Buche. Ihr war nicht wirklich kalt und trotzdem liefen ihr eisige Schauer über die Haut, der Ausdruck ihres tiefen Unbehagens.
Und obwohl Madeleine keine furchtsame Frau war, wurde sie von einer solchen Panik ergriffen, wie sie sie bis dahin nicht gekannt hatte. Es war nicht allein die Dunkelheit, die ihr solche Angst machte, vielmehr war es diese unheimliche Stille, die in dieser Nacht über dem Wald lag. Normalerweise hörte man zumindest das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln oder die Geräusche der nachtaktiven Tiere, die sich im Walde tummelten. Eulen, Wildkatzen und Fledermäuse bewegen sich nicht immer lautlos auf ihren nächtlichen Streifzügen und oftmals konnte man ihre Laute und Schreie noch bis ins Dorf vernehmen. Doch diese Nacht war anders: nicht ein Ton drang an ihr Ohr, kein einziger Windhauch streifte ihre Wange. Erst nach sehr langer Zeit fiel Madeleine in einen sehr unruhigen Schlaf. Sie träumte wild. Bilder von längst vergangenen Tagen drängten sich in ihre Träume. Menschen, die sie einmal gekannt hatte, kamen und gingen. Erinnerungen an ihre schwierige Jugend leuchteten auf, um sich wieder im Nichts aufzulösen. Immer wieder schreckte Madeleine aus ihrem Schlaf angesichts der Intensität der Gefühle, die diese Traumfetzen in ihr auslösten. „Denk an was Schönes!“ befahl sie sich schließlich und sie dachte an Max, an sein schönes Gesicht und daran, wie er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Seine Nervosität hatte sie schon damals schmunzeln lassen, seine sonst so energischen Züge waren voller Angst, sie könne „nein“ sagen. Doch sie hatte nicht „nein“ gesagt und das war die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen. Zwei wunderbare Kinder hatte er ihr geschenkt. Er war ihr Geliebter, ihr bester Freund und manchmal auch der Vater, den sie nie gehabt hatte. Auch ihre liebe Mutter war viel zu früh verstorben, doch nun hatte sie ihre eigene kleine Familie und sie konnte von sich selbst behaupten, ein glückliches, zufriedenes Leben zu führen. Diese Gedanken beruhigten Madeleine ein wenig und sie schlief nochmals für einige Zeit ein. Dann geschah etwas Seltsames: Es war die lang vermisste Stimme ihrer Mutter, die sie weckte: „Madeleine, mein liebes Kind, steh auf und komm mit mir! Es ist Zeit. Der Ostermorgen bricht gleich an und alle warten schon auf dich. Nun komm und beeil dich!“
War das ein Traum im Traum? Jeder kennt das Phänomen: man träumt, dass man träumt. Oder spielten ihr ihre müden Sinne einen Streich? Madeleine erhob sich und tatsächlich erhellte das fahle Licht des anbrechenden Tages bereits den Wald. Doch noch sah sie die Bäume und Sträucher nur schemenhaft, denn dichter Frühnebel lag über allem. Schlaftrunken und benommen wankte Madeleine in die Richtung, aus der die Stimme ihrer Mutter zu kommen schien. So gelangte sie schließlich zurück auf den Weg und im Handumdrehen erreichte sie den Waldrand, von dem aus sie bereits das Tal und ihr heimatliches Dorf sehen konnte. Hinter den Bergen ging gerade die Sonne auf und wie bereits geschildert war dieser Morgen von ganz besonderer Schönheit. Mit einem Schlag fielen die Anstrengungen der vergangenen Nacht von Madeleine ab und tiefes Wohlbefinden erfüllte sie. Aber irgendwie fühlte sie sich seltsam, wie geläutert, und es kam ihr so vor, als wären mit der Dunkelheit der Nacht auch sämtliche dunklen Schatten von ihrer Seele verschwunden. Sie fühlte sich federleicht und von allen Sorgen befreit.

Das kleine Haus mit den grün-weißen Fensterläden und dem sauber getünchten Gartenzaun lag etwas außerhalb des Dorfes. Hinter dem Haus begannen die Berge bereits ihren Anstieg bis hoch hinauf in die weißen Wolken, die behäbig am Himmel ihre Bahnen zogen. Einige hohe schlanke Tannen wuchsen zu seiner Rechten, während sich zur Linken ein kleiner Garten erstreckte, indem Obstbäume, Kräuter und bunte Frühlingsblumen wuchsen. Das Panorama glich haargenau dem Bild, auf einer für diese Gegend typischen Postkarte.
Aus dem Fenster des ersten (und einzigen) Stockwerkes erklang eine helle Mädchenstimme. „Papa! Jonas! Ihr müsst euch beeilen. Die Glocken läuten schon, wir kommen zu spät. Jesus ist schon aufgestanden.“ „Der ist nicht auf-ge-standen, du Dumme, der ist auf-er-standen, von den Toten nämlich. Verstehst du?“, erwiderte eine mürrische Jungenstimme. „Du Blödmann!“, schrie die Kleine erbost, „ich bin nicht dumm. Mama sagt ich bin ein sehr intellentes Kind.“
„Hahaha…das heißt nicht ‚intellent‘, sondern ‚intelligent‘ “, amüsierte sich der Junge, „ siehst du, wie dumm du bist?“ „Jetzt reicht’s aber, ihr beiden Streithähne! Marie ist nicht dumm und Jonas ist kein Blödmann. Mama und ich haben nur schlaue Kinder.“ Max blickte tadelnd vom einen zum anderen, strich dann aber lächelnd seinem Großen über die dunklen Locken, bevor er die kleine Marie auf den Arm nahm. Dann sah er seiner kleinen Tochter in die blauen Augen und sagte leise: “Und du, meine Süße, hast vollkommen recht. Mama hält dich für eine besonders schlaue Fünfjährige.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: “Aber du, Jonas, bist doppelt so alt wie deine Schwester und solltest dich nicht immer über sie lustig machen. Du warst schließlich auch mal klein.“ Er drückte Marie noch einen Kuss auf die Stirn, bevor er sie auf den Boden setzte und rief: “So, hopp hopp, jetzt holt eure Jacken. Wir müssen uns wirklich beeilen, wenn wir nicht zu spät zur Ostermesse kommen wollen.“ „Und dann gehen wir die Mama besuchen!“ freute sich Marie. “Ja, das machen wir!“, bestätigte ihr Vater, „ich habe auch schon im Garten ein paar unserer schönsten Frühlingsblumen gepflückt. Die kannst du ihr dann schenken.“
Den ganzen Weg hinunter ins Dorf hüpfte Marie einige Meter voraus und trällerte vor sich hin, während Jonas bedrückt neben seinem Vater herging. Liebevoll legte Max den Arm um die Schultern seines Sohnes. Er wusste genau, was in seinem Sohn vorging. Er selbst musste täglich seine gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, um die Fassade der Normalität für die Kinder aufrecht zu halten. Als die Drei die kleine Kirche des Dorfes erreichten, hatte der Gottesdienst – wie schon befürchtet – bereits begonnen. Da die Kapelle höchstens Platz für ca. 300 Gläubige bot, konnten sie von Glück reden, oben auf der Balustrade noch drei nebeneinanderliegende Plätze zu ergattern. Die Orgel spielte ein Osterlied und alle Anwesenden hatten sich zum Mitsingen erhoben, als sie sich durch die engen Bänke zu ihren Plätzen zwängten. Die nachfolgende Predigt handelte, wie sollte es an Ostern auch anders sein, von der Passion Christi und seiner wundersamen Auferstehung. Der Gottesdienst war festlich und auch die Kinder folgten den Worten des Pfarrers aufmerksam, was gewiss nicht so häufig geschah. Selbst die kleine Marie war ganz still und schien mit ihren Gedanken ganz bei der Sache.
Am Ende des Gottesdienstes wurde unter feierlicher Orgelmusik und vielstimmigem Chorgesang das Abendmahl begangen. Beim Verlassen der Kirche warf Max einige Münzen in den Klingelbeutel und schüttelte dem Pfarrer zum Abschied die Hand.“Sie wissen ja, unsere Kirche steht Ihnen stets offen. Kommen Sie zu mir, wenn Sie reden möchten. Gott lässt seine Kinder nicht im Stich.“ Bei diesen Worten lächelte der Pfarrer mitfühlend und nickte den Kindern freundlich zu, bevor er sich den nächsten Kirchenbesuchern zuwandte.

Als die Familie sich auf den Weg machte, hatte die Sonne bereits den Zenit erreicht und schien warm auf die fast menschenleeren Gassen. Wie in den meisten Dörfern lag der kleine Friedhof nicht weit von der Kirche entfernt, die fast genau den Mittelpunkt des Dorfes markierte. Über der schmiedeeisernen Eingangspforte prangte ein goldenes Messingschild mit der Aufschrift: “Siehe, ich mache alles neu!“, den vielzitierten Zeilen aus dem 21. Kapitel der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel. Der Friedhof war gut besucht an diesem herrlichen Ostertag, denn viele Leute wollten ihren Lieben nach dem Gottesdienst noch schnell einen frischen Blumenstrauß auf das Grab stellen. Mehrere Reihen hübsch dekorierter Einzelgräber erstreckten sich über eine ca.100m² großen Wiesenfläche. Max und die Kinder gingen links an den Gräber entlang bis zur vorletzten Reihe. An deren Ende war das kleine Grab mit der Nummer 182. Ein schlichtes aber elegantes Holzkreuz stand an dessen Kopfseite mit der Inschrift „Madeleine – Unsere Liebe 1965-2001“
Das Kreuz hatte Max selbst geschnitzt, als letzten Liebesakt für die Frau, die sein Herz für immer besit-zen würde. Gemeinsam mit den Kindern hatte er dann das Grab liebevoll mit einem Herz aus roten und weißen Primeln geschmückt. Marie hatte allerlei Figürchen und eine bunte Windmühle aus ihrem Zimmer mitgebracht und auch Jonas hatte einen kleinen selbstgemachten Bären aus rotem Ton dazu gestellt.
Während Max nun mit tatkräftiger Unterstützung von Marie die mitgebrachten Blumen in die Vase stellte und frisches Wasser einfüllte, stand Jonas einfach nur still da. Man sah ihm deutlich an, dass er Mühe hatte gegen den Drang anzukämpfen, einfach hemmungslos loszuschluchzen. Schließlich fragte er mit brüchiger Stimme anklagend: “Warum ist das bloß passiert? Warum hat die Mama keinen anderen Weg nach Hause genommen? Dann wäre sie nicht diesen doo-fen Berg herunter gefallen und alles wäre noch in Ordnung. Jetzt ist sie weg und wir sehen sie nie wieder!“ Bei diesen Worten konnte Jonas die Tränen nicht mehr zurückhalten und sie kullerten über seine geröteten Wangen. Marie sah ihren Bruder ernst und mit großen Augen an. Dann kam sie ganz dicht zu ihm und sagte: “Ach Jonas! Jetzt bist du aber dumm. Hast du denn nicht aufgepasst, was der Pfarrer uns heute erzählt hat? Über Jesus und seine Auferstehung? Die Mama liegt da doch gar nicht mehr in der Erde drin. Die ist schon längst wieder aufgestanden und wenn sie sieht, dass du weinst macht sie das bestimmt ganz traurig. Im Himmel sehen wir sie dann irgendwann wieder, das weiß ich genau!“ „Marie hat recht!“, sagte Max, noch völlig erstaunt über die tröstlichen Worte seiner Tochter, „das ist das Versprechen, dass Jesus uns Menschen gegeben hat, das Osterversprechen sozusagen! Aber ich weiß, wie du dich fühlst, mein Schatz! Auch mir fehlt deine Mutter sehr. Wir müssen jetzt stark sein, denn unser Leben geht weiter! Und Mama möchte bestimmt auch, dass wir alle fröhlich sind und uns lieb haben. Also, Kinder, kommt jetzt! Wir gehen zu Oma und Opa und gucken, ob der Osterhase etwas für euch im Garten versteckt hat.“ „Au ja, Schokolade!“rief Marie begeistert. “Tschüss Mama, ich komm dich bald wieder besuchen.“, und mit diesen Worten flitzte sie schon Richtung Ausgang. Max folgte ihr, den Arm immer noch tröstend um die schmalen Schultern seines Sohnes gelegt.
Nachdem ihre Familie gegangen war, blieb Madeleine noch eine ganze Weile an ihrem Grab. Sie war gerührt, über die Liebe, mit der ihre Familie ihr Grab pflegte. „Ist sie nicht ein schlaues kleines Mädchen, meine Marie?“, sagte Madeleine zu ihrer Mutter gewandt, die in der Nähe auf sie wartete. „Ja! Und sie ist dir sehr ähnlich, mein Schatz. Ich verspreche dir, wir werden gut auf sie aufpassen, und natürlich auch auf Jonas“, erwiderte diese, „Aber nun komm, wir gehen nach Hause!“ „Ja, Mama, das tun wir!“ antwortete Madeleine.

Alexa. B.

Die Erzählung „Das Osterversprechen“ erschien erstmals in der Printausgabe 88 im April 2014.

(Un)reine Seele

(Un)reine Seele

Rein und Unrein; Mensch, Dämon oder Engel… spielt keine Rolle. Die Handlungen die man erbringt, zeigen wer man ist. In diese Welt wird man hinein geboren, Geschöpfe sind nicht bloß Gerüchte. Menschen, die zwischen Dämonen und Engel stehen. Ein Krieg zwischen Engel und Dämonen.
Ich bin einer dieser Menschen und dies ist meine Geschichte.
Das Foto, welches ich in der Hand hielt, stellte ich zurück auf die Kommode. Zehn Jahre vergingen seit dem Schnappschuss und ich reifte in der Zeit zu einer erwachsenen Sechsundzwanzigjährigen heran. Ein langer Seufzer entfuhr mir. Wenn ich zurück dachte und meine Augen schloss, sah ich meine Eltern wie sie versuchten den langwierigen Streit zwischen Engel und Dämonen zu schlichten. An diesem Tag wurde ich Weise, wurde von einem Jungen gefunden. Er besaß schwarzes kurzes struppiges Haar, mit diesem verbarg er seine Ohren; seine Augen waren ebenso schwarz und zeitgleich unergründlich. Anfangs meinte ich, seine Augen färbten sich für einen Moment rot. Ich glaubte, dass ich mich versah und beließ es dabei. Damals war er es, der mir ein Versteck zeigte, in dem ich mich aufhalten konnte. Seinen Namen erfuhr ich nie und viel redete er auch nicht.
Seitdem hatte ich mir eine kleine Wohnung in diesem aufgebaut, hatte Schwertkunst erlernt und traute nur selten jemanden. Ein zweites Mal tauchte der Junge nicht auf und so blieb ich allein. Aus meinen Gedanken und Herzen verschwand er jedoch nie. Zeitgleich musste ich einen Weg finden, dem Krieg ein Ende zu setzen. Muss ein Kampf wirklich sein? Die Gedanken mit meinem Kopf freischüttelnd, zog ich mir meine Rüstung an, steckte das Schwert an seinen gemäßen Platz und verließ die Wohnung. Aus dem Haus tretend,  ging ich ein paar Meter voraus in Richtung Hauptstraße. ‚Wush‘ Der Wind blies mir durchs schwarze lange dichte Haar.
Im nächsten Moment wurde dieses ein paar Zentimeter gekürzt. Mist, darauf war ich nicht vorbereitet.
Schnell ließ ich meine Waffe aus der Schwertscheide fahren und blockte die scharfen  Krallen des Dämons.
Es war nicht so, dass alle Dämonen gleich aussahen, dies galt auch bei Engel. Lediglich die spitzartigen Ohren besaßen Dämonen. Bei Engel waren es die weißen Flügel. „Sowas, dabei wollte ich dich schnellstens töten.
Du hättest nicht einmal etwas gemerkt“. Ein Dämon der sich offensichtlich darüber amüsierte. „Tz, stell mich nicht mit dir auf einer Stufe. Ich kann auch kämpfen“. Hämisch lachte er, ehe er erneut angriff und ich ihn mit meiner Klinge stoppte. Dämonen waren stark, keine Frage und auch ich hatte manches Mal Schwierigkeiten diese zu besiegen. Allerdings ließ ich nicht zu, dass ich wegen diesen sterben sollte. Abgeblockt musterte er mich, ließ eine Hand in seinen Nacken fahren und grinste breit. Seine spitzen langen Zähne und seine rote Haut ließen ein unheimliches Bild entstehen. Er konzentrierte sich auf seine Kräfte. Blasen bildeten sich auf seinem Torso und platzten auf, aus ihnen spritzte eine gelbe Flüssigkeit. Sie traf den Boden und verätzte ihn an jener Stelle. Mit jeder Blase mehr, wurde er stärker. Die Augen schließend und zu einer möglichen Lösung kommend, traf mich ein wenig von der Säure und setzte meine Rüstung an den Schultern frei. Meine Zeit wurde knapp, wie ich bemerkte. Zu ihm rennend, musste ich Spritzern ausweichen, dann schaffte ich es jedoch und durchtrennte mit einem Hieb den Kopf des Dämons. Das Blut, welches aus ihm spritzte, befleckte meine Rüstung. Die Gewohnheit lässt die Person eisern werden, wenn sie jeden Tag kämpfen muss. Das Schwert ließ ich mit einem üblichen Handgriff zurückfahren und somit setzte ich meinen Weg fort. Dämonen hasste ich nicht unbedingt, Engel hasste ich genauso wenig. Was ich nicht ausstehen konnte, war der Krieg. Er sollte vergehen, egal welchen Preis ich dafür zahlen musste. Mit jedem Augenblick den ich nach links und rechts sah, bildete sich eine unglaubliche Wut in mir. Unzählige Opfer, Dämonen, Engel und die meisten waren Menschen. Besaß man kein Rückgrat um über eine Lösung zu verhandeln? Würden sie miteinander verhandeln, wenn man ihnen die Augen öffnete und ihnen das Ausmaß zeigte? Anscheinend liefen sie blindlings in die Kämpfe hinein, achteten nicht auf ihre Umgebung. Die Farben des Himmels äußerten sich in einen rot-gelben Ton, welches die Intensität unterstrich. Den gepflasterten Weg von leblosen hinter mir lassend, betrat ich die Himmelsseite der Engel. Deren Territorium.  Flügel wehten sacht über mir und landeten in einer ebenso geschmeidigen Bewegung vor meinen Füßen. Einen Moment später, spürte ich die Präsenz einer Person. „Was sucht ein Mensch hier bei uns?“ Ihre Gestik wie auch Mimik war sanft, wie man es von einem Engel gewohnt war.
Strahlend blaue Augen, blondes Haar und ein sanftes liebevolles Lächeln. Die Arme vor die Brust kreuzend, verdunkelte sich mein Blick. „Wisst ihr was ihr hier macht? Habt ihr schon einmal gesehen, was ihr anrichtet mit eurem blöden Krieg? Warum kann das nicht alles ein Ende haben? Ihr seid doch die ‚guten‘, solltet ihr nicht auch dann wie solche handeln?“ Auf ihrem Gesicht machte sich Erstaunen breit.
„Du bist ein Mensch und weißt nichts, wie solltest du auch? Ein Krieg muss geführt werden. Reden richtet nichts aus und erst recht können wir keinen Frieden schließen“. Von ihr abwendend, schloss ich die Augen, sprach dann weiter. „Verstehe, dann seid ihr daran schuld, wenn es uns Menschen nicht mehr gibt. Macht doch immer weiter, bis nichts mehr übrig bleibt. Ich denke, selbst dann werdet ihr noch immer kämpfen“. Seufzend fuhr ich fort, während ich die Augen öffnete und die Augenbrauen zusammenzog. „Ich sage nicht, dass ihr Frieden finden sollt, aber der Einklang muss bestehen bleiben. Es wird immer gut und böse geben, daran wird sich nichts ändern“. Mit diesen Worten ging ich Schritt für Schritt weiter. Allzu weit kam ich jedoch nicht, da sie mich aufhielt. „Warte. Du hast recht, aber…sag ihnen, wir sind bereit zu verhandeln und wenn sie sich darauf einlassen, findet der Krieg ein Ende und du wirst in unsere Mitte aufgenommen, als eine von uns“.
Ein Schmunzeln entfuhr mir, welches sie nicht sah, da ich mit dem Rücken zu ihr stand. Als Geste hielt ich meine Hand nach oben und setzte meinen Weg fort. So war das also, es musste anscheinend wirklich nur einer anwesend sein, der schlichten konnte. Ein unbehagliches Gefühl erfüllte mein Inneres als ich mich ins Territorium der Dämonen aufmachte. Gewalt würde sicher hier herrschen und wenn ich nicht aufpasste, war ich schneller tot als mir lieb war. Wenn es nach mir ginge, würde ich nur in Frieden leben. Die Person suchen, die mir damals geholfen hatte eine neue Existenz zu finden und wenn alles seinen Lauf nahm,…wer wusste schon, was die Zukunft brachte. Ich wollte mich überraschen lassen, wenn dies alles sein Ende gefunden hatte. Noch war die Zeit nicht gekommen um mir Gedanken zu machen und so beließ ich es auch erst einmal dabei.
Die Luft wurde stickiger; weitere zahlreiche Opfer. Vereinzelnd durchbohrt auf meterlangen riesigen Spießen die aus dem Boden ragten; anderen wurden die Gliedmaßen entrissen; ein paar wurden brutal misshandelt, ihnen fehlten Augen und Zungen und auch diese lebten nicht mehr. Grausames Werk, dabei standen nicht nur Engel im Vordergrund, sondern auch Menschen.  Den Blick von ihnen abwendend, bemerkte ich eine Person, die sich hinter mir aufhielt und anschlich. Meine Hand fuhr zeitgleich zu dem Griff meines Schwerts.
„Ich bin nicht hier um gegen euch zu kämpfen“. Er kam näher. „Wie soll ich wissen ob du nicht lügst?“„Wenn ich lügen würde, wärst du schon längst einen Kopf kürzer. Hör mir zu, ich will den Krieg beenden. Bring mich zu eurem Anführer“. Nun zeigte derjenige sich mir, der zuvor hinter mir stand. Er besaß schwarze Flügel und verschränkte die Arme vor der Brust, quasi war er wie ein Schrank. Groß und breit gebaut, vollbepackt mit Muskeln. Meine Augen weiteten sich mit jedem Moment. „Also bist du wohl doch kein Dämon, hm?“ „Ich bin ein gefallener Engel, aber ich wüsste nicht, was dich das angeht. Wenn es mir Kain befiehlt, dann werde ich den Auftrag mit Vergnügen ausführen. Selbst wenn es sein muss, einen Engel oder Menschen zu töten“. Die Hand auf die Hüfte stützend, hob sich mein rechter Mundwinkel. „Große Klappe für einen gefallenen deiner Art“. Plötzlich flog eine Klinge auf mich zu und verletzte meinen Oberarm, sogar die Rüstung zerbarst mit einem lauten Knacken. An Verteidigung besaß ich nichts mehr, allein meine Alltagskleidung trug ich noch. Ich sah an mir herunter, hielt schützend die Arme vor dem Oberkörper.
Viel Sicherheit boten mir meine Arme nicht, aber es war immer noch besser, als gar nichts. „Was machst du?“ schrie ich ihn sogleich an und zog mein Schwert, richtete es mit einer Hand auf ihn und verengte die Augen. Mir gefiel die Situation überhaupt nicht. „Der König existiert nicht mehr, allerdings ist der Prinz Thronfolger. Lege deine Waffen ab und du wirst zu ihm gelangen“. ‚Klang‘ Das Schwert fiel zu Boden. „Wenn der Krieg damit verhindert wird“. Mein Herz fing schneller an zu schlagen. Noch immer musterte ich ihn, ehe ich bemerkte, wie sich die Tür hinter ihm öffnete. Warum lässt er mich plötzlich durch? Ich machte keinerlei Anstalten ratlos auszusehen. „Lauf weiter. Man wird sehen, ob du es schaffst“. Er wich zur Seite aus und ließ mich ohne ein weiteres Wort hindurch. Das Klopfen des Herzen intensivierte sich mit jedem Schritt. Viele Gefühle prasselten auf mich ein, Neugier und Angst waren einer der stärkeren davon. Mein Weg führte zu einem Saal, hell und prachtvoll, bis sich die Tore hinter mir schlossen und diesen in Finsternis tauchte. Die Zähne aufeinander pressend, versuchte ich meine Angst loszuwerden. „Ich muss mich zusammenreißen“ flüsterte ich mir zu, bis sich der Saal erhellte. Die Kerzen die an den Wänden verankert waren, leuchteten und spendeten mir etwas Trost in dieser unheimlichen Umgebung. Weiter voran kommend, erspähte ich einen Raum. Das Glücksgefühl vorangekommen zu sein, wurde so schnell wie es erschien ruiniert. Es gab drei Türen mit jeweils einer Gravur. Über den Türen sah man annähernd, was sich im Inneren befand. Auf der linken stand: ‚Brenne, im Auge von Kain‘.
Hinter dieser hatte man es nicht nur mit hohen Temperaturen zutun, sondern wortwörtlich mit Feuer. Auf der Tür in der Mitte wurde eingemeißelt: ‚Siehst du herunter, fällst du“. Hinter dieser sollte man nicht nach unten sehen. Ich ahnte, dass man mit einem Fehlschlag aufgespießt werden würde.
Auf der rechten Seite las ich: Mein Weg, blutrot bis auf den letzten Tropfen. Wie viel Blut kannst du vergießen?  Hat es etwas mit diesen Quälereien auf sich? Es könnte sein, dass die Augen und die Zungen, sowie Arme und Beine wegen dieser Prüfung ausgerissen wurden. Wenn es der Fall sein würde, müsste ich stark überlegen. Unentschlossen musterte ich die drei Türen vor mir. Vielleicht, gibt es… Mit einem Schwung drehte ich mich zurück zum Saal. Erneut starb meine Hoffnung darin, eine Tür zu finden, in der man es leichter haben würde. Einen Raum betreten, ohne jegliche Waffe. So langsam tauchten Zweifel auf.
Nein, ich darf nicht…zum Wohle der Menschheit. Mit schwerem Schlucken, betrat ich den Raum, welcher zu meinem Schicksal führen sollte. Man sollte wohl erwähnen, dass ich in dieser Angelegenheit wohl doch ein kleiner Angsthase war und den Weg nahm, der mir am sinnvollsten erschien. Nachdem ich durch die doppelseitige Tür ging, war der Weg weiterhin dunkel gehalten. Treppen stellten keinerlei Probleme dar.
Nach weniger Zeit erklomm ich die letzte Treppenstufe von geschätzten vierzig. Eine weitere Tür, die ich sogleich öffnete. Mein Herz blieb beinahe stehen, als mir das Ausmaß bewusst wurde. Nun stand ich draußen, musste auf einen rollenden langen Baumstamm balancieren. Unter mir war wahrscheinlich das, was ich ahnte. Ich durfte nicht nach unten sehen, selbst nicht für einen Moment. Die Hände zu Fäusten ballend, streckte ich meine Arme aus und betrat den Baumstamm. Schwierigkeiten hatte ich schon im ersten Moment, dennoch schaffte ich es bis zu dreiviertel. Nur noch ein Stückchen trennte mich von dem beenden der ersten Herausforderung. Einen Fuß nach den anderen setzend, rutschte ich auf ihm aus. Panisch versuchte ich etwas zu ertasten, an dem ich sicheren Halt hatte. Im letzten Moment schaffte ich es. Glücklicherweise brachte es mich zu meiner nächsten Aufgabe. Nicht nach unten sehen. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck und mit aller Kraft drückte ich meinen Körper nach oben und schaffte es, mich hochzuziehen. Erleichtert atmete ich aus. „Kommt noch etwas Besseres? Ich kann es kaum erwarten“. Wut stieg in mir auf und die Ironie strotzte nur so aus mir heraus. Erneut erschien das Bild des Jungens vor meinen Augen. Als er mir mein damaliges Versteck zeigte, war er ebenso abenteuerlich. Ihm machte es nichts aus, auf gefährlichen Anlagen herumzulaufen oder dem Tod ins Auge zu blicken. Noch heute frage ich mich, was es damit auf sich hatte. An ihn zu denken, stellte mich ruhig. Langsam setzte ich meinen Weg fort. Den nächsten Punkt schaffte ich mit ein paar kleinen Macken.
Man sollte einen Baumstamm hochklettern, aus dem Splitter ragten. Ein paar kleine Schrammen und ein
bisschen Blut hielten mich nicht ab weiterzugehen. Nur noch ein Abschnitt, bis ich eine weitere Tür sah. Führt die Tür etwa…zum Ende?  Darüber nachzudenken brachte mich zu keinem Ergebnis. Ich musste alles auf eine Karte setzen. Ein Abhang, bestimmt fünfzehn Meter, trennten mich vom möglichen Ausgang.
In die Hocke gehend und in Position bringend, ließ ich ein wenig Abstand, bis ich aufstand und losrannte.
Meine Arme und Beine setzte ich sinnvoll ein, um mehr Schwung zu bekommen. Nutzlos, ich fiel und verlor meinen Blick. Hoffend, dass ich nicht allzu sehr Schmerz erlitt, kniff ich meine Augen zu und umklammerte meine Beine, um mich klein zu machen. „Kyah“, einen Aufschrei unterdrückte ich nicht länger. „Junge mit dem schwarzen Haar, bitte rette mich noch einmal“. Ich wusste nicht, was über mich gekommen war. Wieso sollte er gerade jetzt auftauchen? Schwarz vor Augen werdend, bemerkte ich nur noch einen leichten Druck, keinen Schmerz. Was geschieht? Meine letzten Gedanken, bis ich bewusstlos wurde. Nach einer langen Zeit erwachte ich und spürte hartes, kühles…wie Eisen. Langsam öffneten sich meine Augenlider, was ich erblickte ließ mir das Blut zu Eis gefrieren. Energisch griff ich um das Eisen, welches mich einsperrte. Ein Käfig, im schemenhaften Licht. Unterhalb von mir erblickte ich jedoch Schwärze, oberhalb veränderte sich ebenso nichts. „Mädchen, du hast Glück. Ich rette nicht jeden Menschen“, erreichte eine kalte Stimme meine Ohren, woraufhin sich eine Gänsehaut auf meinem Körper ausbreitete und mich ein innerliches Zucken durchfuhr.
„Also habe ich es zu dir geschafft? Du bist doch der Thronfolger“, schlussfolgerte ich. Stille, kein einziger Laut. „Hmpf, ich wäre so oder so nicht bei dir, wenn ich den Krieg nicht verhindern wollen würde“. Plötzlich erschienen glühend rote Augen vor den meinen. Erschrocken rutschte ich zurück und sah ihn entsetzt an. In diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich dem Tod entkommen war. Welche Absicht hat er nur?
„Du hast mich gerettet, wieso? Was bringe ich dir?“ Noch immer sah ich ihn nicht, blickte nur ins Leere.
„Du schienst mir interessant“. Zwar konnte ich den Käfig erblicken, aber nicht das, was außen herum geschah. Neugierde packte mich, aber dennoch blieb ich zurückhaltend.
„Bist du damit einverstanden den Krieg zu beenden?“ Der Käfig wurde im nächsten Augenblick geöffnet und ich wurde vollends aus dem Käfig gehoben.
„H-hey, was zum? Lass mich runter… nein,…warte“. Die Augen zukneifend, umklammerte ich ihn.
Wo ist der Boden? Wird er mich fallen lassen? Habe ich etwas Falsches gesagt?
„Was hält mich davon ab, dich nicht zu verletzen?“ Er hatte Recht, ich besaß nichts. „Ich kann dir nichts bieten. Überleben werde ich aber dennoch, …. irgendwie. Der Krieg soll ein Ende haben. Du kannst mir Schmerzen zufügen, soviel du willst. Wenn der Krieg vorbei ist, dann habe ich Pläne“, plapperte ich los, ohne nachzudenken. Ich spürte, wie er sich mit mir unter seinem Arm bewegte. Seine Silhouette konnte man ein wenig erkennen. Mein Herz klopfte plötzlich bei seinem Anblick, wütend darüber hielt ich mir meine Hände vor die Brust, ballte diese zu Fäusten und starrte ihn an. „Sag mir was für Pläne du hast“ Die Luft wurde stickiger und heißer. „Wo bringst du mich hin?“ Er lachte auf. „Das wirst du sehen, vielleicht werde ich dich fressen. Jetzt antworte“. Für einen Moment stockte mir der Atem, dann steigerte er sich. „Nu…nun, ich werde nach Jemanden suchen, der mir am Herzen liegt und dann…“. Mein Reden wurde durch ihn unterbrochen, da er mich losließ. Gerade als ich anfangen wollte zu schreien, landete ich auch schon auf etwas weichem schleimigen. Ich tastete mich durch,…Arme…Beine… Weitere Gliedmaßen? „Iss, du bleibst fürs erste bei mir. Ich werde sehen, wie ernst du es meinst“. Das kann doch nicht… „Erzähl weiter, wenn du nicht isst, dann wird der Ausgang dir versperrt bleiben. Ebenso werde ich nicht in Betracht ziehen, den Krieg zu stoppen“.
Grausam. Ich soll Menschenfleisch essen? „Bei jeder Frage musst du etwas essen. Bist du bereit?“ Seine Hand an meiner Wange spürend, verengte ich die Augen. „Na schön“. Ich merkte seinen stechenden Blick.
„Wer ist dieser Jemand?“ Die Augen schließend, antwortete ich ruhig. „Sein Name ist mir unbekannt, aber ich weiß noch wie er aussieht. Diese Person ist meine erste große Liebe“. Plötzlich öffnete sich der Ausgang, grelles Licht schien durch den Raum. Meine Aufmerksamkeit lag auf der geöffneten Tür und doch musste ich einen Blick unter mir werfen. Überrascht fand ich anstatt Menschenfleisch, Tierfleisch vor. Aber…
Drei Engel durchschritten die Tür und richteten ihren Blick auf mich. „Es sieht nicht so aus, als würdest du es schaffen den Krieg zu beenden“, lieblich klangen sie wie zuvor, jedoch lag etwas Arrogantes in ihren Stimmen. Nun trat auch Kain hinter mir, verdeckte meine Augen und richtete sich zu den Anwesenden. „Das wird nicht nötig sein. Ich beende den Krieg, wenn sie bei mir bleibt und ihr sie zu meinesgleichen wandelt“.
Huh? Perplex drückte ich seine Hände ein Stück weit herunter, aber er ließ nicht locker. Die drei Engel schienen zu überlegen, denn eine Zeit lang erwähnte niemand ein Wort. „Sie sollte es für sich allein entscheiden, ob sie es möchte oder nicht. Engel oder Dämon?“. Ihre Stimme erkannte ich, da ich zuvor mit ihr sprach. „Der Vertrag ist gebunden, sobald ihr eure Lippen aufeinander legt“. Einen aufkommenden Wind spürte ich um meinen Körper. „Denk nach.“ Seine Worte zeugten von insgeheimer Nervosität. Für Außenstehende wirkte er dennoch wie Eis. Kühl und unnahbar. Herzrasen, erneut machte sich dieses unsagbare Gefühl von Wärme in mir breit. Seltsam, dieses Gefühl bekam ich nur bei ihm, ihn nicht sehend und dennoch zu erkennen, wer es möglicherweise ist? Sollte ich den Schritt wagen und mich einverstanden geben? Langsam nickte ich, legte meinen Kopf zurück und wartete. „Du hast dich entschieden. Wir werden den Krieg beenden“, erwähnten die Engel, welches ich nur halb mitbekam, da Kain seine Lippen auf meinen legte. Er befreite die Hand von meinen Augen. Ich war überrascht, anscheinend besaß Kain nicht nur die brutale Seite, sondern auch eine… die er wahrscheinlich nur mir zeigte. Die Arme um ihn legend, sah ich ihm in die Augen. „Endlich, habe ich dich widergefunden, Kain“. Die Engel machten es möglich, dass ich ein Mensch blieb. Allerdings würde ich bei Kain bleiben, bis er nicht mehr existieren würde. Gemeinsam hatten wir eine Zukunft, in der wir einander einstehen und lieben konnten. Der Fakt, dass er der Thronfolger war und ich nur ein Mensch, kümmerte uns nicht. Unstimmigkeiten würden hier und da noch vorkommen. Jeder besaß seine Schattenseiten, solange man sie akzeptierte und den richtigen Blick für Ordnung behielt, würde so schnell nichts geschehen. Er war meine Schwachstelle und ich war seine. Zwei unterschiedliche Seelen, die sich zusammengefunden hatten. Mit jeder Sekunde spürte man, wie eine unreine Seele und eine reine Seele zusammenschmolzen.
Zwei Seelen, zu einer Einheit.

Sayuri Roxan

 

Halloween- Schrecken der Nacht

Halloween- Schrecken der Nacht

Ich freute mich jedes Jahr auf den 31.10., für die einen war es der Reformationstag, für die anderen Halloween und für mich war es das Ereignis des Jahres.
Das erste Mal feierte ich Halloween richtig, da war sechszehn Jahre alt, heute bin ich dreißig und freue mich immer noch so, wie ich es als Teenager tat.
Dieses Jahr war ich dran, die Party zu organisieren, meine Freunde und ich wechselten uns jedes Jahr ab.
Letztes Jahr war es meine beste Freundin Samira, die die Party organisierte.

Ich hatte mir etwas Besonderes einfallen lassen. Das Buffet sollte aus allerlei grausigen Gerichten bestehen, die Getränke sollten „verschönert werden“ und mein Haus würde jedem das Gruseln lehren.
Mein Budget lag bfledermaus-001ei 200 Euro, viele würden jetzt behaupten, dass es übertrieben wäre, aber mir war es der Spaß wert.
Ich fing Mitte Oktober an bestimmte Sachen einzukaufen, da ich Angst hatte, dass sonst auf einmal alles ausverkauft wäre.
Gummispinnen, abgehackte Hände, Totenköpfe und vieles mehr landeten in meinem Einkaufswagen, ich verbrachte im Dekorationsladen zwei Stunden. Es war wunderbar, die ganzen tollen, gruseligen Sachen durchzustöbern, am liebsten hätte ich alles eingepackt, aber ich wollte auch nicht übertreiben.

Am Tag vor Halloween fing ich an, manche Speisen zuzubereiten, die über Nacht noch ziehen mussten, oder meine selbstkreierten Bowle zuzubereiten, die den Namen „ Blutdurst an Halloween“ hieß.
Gut, wirklich einfallsreich war der Name nicht, aber mir gefiel er und er passte thematisch zu meiner Planung.
Und dann war es endlich soweit. Ich stand am Halloweenmorgen sehr früh auf, schließlich hatte ich noch einiges zu erledigen und vorzubereiten. Ich mag keinen Stress, deswegen schlafe ich lieber weniger.
Ich holte Tische aus meinem Keller, die ich immer nur hoch hole, wenn ich eine Party veranstalte.
Die Tische besprühte ich mit Spinnwebenspray, in die Spinnweben setzte ich die gekauften Gummispinnen, die wirklich sehr real aussahen.
Auch auf – und vor – Schränken sprühte ich künstliche Spinnweben. Mein Haus sah so aus, als ob es von Riesenspinnen eingenommen wurde.
Natürlich durfte auch ein selbstgeschnitzter Kürbis nicht fehlen, also setzte ich mich hin und fing an zu schnitzen. Eigentlich mag ich diese Arbeit, aber heute fand ich sie sehr anstrengend.
Nachdem ich damit endlich fertig war, kümmerte ich mich weiter um meine Dekoration. Einen Kürbis stellte ich vor die Haustür, die anderen verteilte ich in der Wohnung und stellte Teelichter hinein.
Die Totenköpfe stellte ich auf ein Sideboard und auf einen Tisch, einen hob ich mir auf.
Ich hatte einen Wackelpudding vorbereitet, darin befand sich eine abgehackte Hand, die demonstrativ nach oben heraus schaute. Ich war stolz auf mein Werk.
Den letzten Totenkopf stellte ich auf ein Tablett, drum herum legte ich Finger aus Teig, die einen Fingernagel aus Mandeln hatten.
Aus Litschis und Oliven fertigte ich Augäpfel an, die ich auf einer roten Soße platzierte.25
Das Buffet nahm allmählich Gestalt an, ich war mächtig stolz. Die Bowle war schön gekühlt, ich legte ein paar Würmer hinein, natürlich keine echten, sondern diese Weingummiwürmer.
Der krönende Abschluss, war ein Skelett, was ich an der Decke befestigte.
Mein Werk war fertig, das reichhaltige Buffet war aufgebaut, die Getränke kalt gestellt und die Dekoration war in meinen Augen sehr gut gelungen.

Jetzt fehlte nur noch eines. Ich musste mich noch fertigmachen.
Ich hatte noch eine gute Stunde Zeit, dann würden die Gäste schon kommen, also schnell nach oben und mich anziehen und schminken.
Ich hatte mich dieses Jahr für ein Vampirkostüm entschieden; dazu hatte ich die passende Schminke gekauft und natürlich Vampirzähne.

Ich war gerade fertig, da klingelte es schon an meiner Haustür. „Happy Halloween“, Samira umarmte mich stürmisch. Sie sah fantastisch aus; ihr Kostüm war das eines Zombies, sie hatte sich Kontaktlinsen in die Augen getan und ihr Gesicht sah aus, als ob es jeden Moment auseinander fallen würde.
„Wow, Samira, du siehst wunderbar aus. Ich habe dich fast nicht erkannt.“, wir beiden waren schon seit Schultagen die besten Freundinnen, jede wusste von der anderen jedes noch so kleinste Geheimnis.
Nach und nach kamen immer mehr Gäste, insgesamt hatte ich zwanzig Leute eingeladen.
Alle bestaunten die Dekoration und das tolle Buffet. Es wurde viel gelacht, es wurden Komplimente für die verschiedenen Kostüme gemacht und es wurde viel gegessen.
Gegen dreiundzwanzig Uhr kippte die Stimmung allerdings ein wenig, als plötzlich ein Stromausfall uns alle in Dunkelheit versetzte; nur die Teelichter, die ich in den Kürbissen angezündet hatte, verliehen uns noch ein wenig Licht.
„Komm Mia, mach das Licht wieder an.“, Benjamin, ein guter Freund von mir, dachte wohl, dass ich extra das Licht gelöscht hatte, aber damit lag er falsch.
Ich erklärte den anderen, dass ich damit nichts zu tun hatte und irgendwann schienen sie mir zu glauben.
Ich kramte noch ein paar Teelichter hervor und zündete sie überall im Haus an, damit wir wenigstens weiter feiern konnten.

fledermaus-001Auf einmal gingen alle Kerzen gleichzeitig aus, ein eisiger Windhauch durchströmte die einzelnen Räume, dabei hatte ich alle Fenster geschlossen.
Wir saßen nun in absoluter Dunkelheit und keiner sagte mehr etwas.
„Wow Mia, du hast dich selbst übertroffen.“, Samira grinste mich an, aber mir war nicht mehr zu Lachen zumute, schließlich drohte meine Party gerade ein Desaster zu werden.
Ein Poltern über uns erschreckte uns alle; es war dumpf und dann knarrte es.
„Kommt jemand mit nach oben und schaut mit mir nach, was da los ist?“, alleine wollte ich nicht nach oben, mir war das Ganze nicht mehr geheuer.
Vielleicht war ein Einbrecher ins Haus gedrungen?!
Benjamin erklärte sich sofort bereit und zusammen gingen wir die steile Treppe nach oben. Hier war nichts zu sehen, außer der Dunkelheit.
„Hier ist nichts, Mia. Nun sei ehrlich, hast du das alles inszeniert?“, ich schüttelte nur den Kopf, als auf einmal meine Schlafzimmertür knarrte und sich langsam öffnete.
Ich fing an zu zittern; selbst in der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass Benjamin blass wurde.
„Glaubst du mir jetzt?“, fast triumphierend schaute ich ihn an.
Wir schlichen leise zu meinem Schlafzimmer, unten hörte man die anderen, die sich leise, flüsternd unterhielten.
Wir öffneten langsam die Schlafzimmertür, als wir von unten einen Schrei hörten. Wir gingen schnellen Schrittes nach unten, um zu sehen, was dort geschah.
Als wir am Treppenabsatz standen, wussten wir, warum jemand geschrien hatte.
Das Skelett, was ich auf gehangen hatte, bewegte sich und zeigte mit seinen knochigen Fingern auf mich, als es mich sah.
„D-u.“, mehr sagte es nicht und es kam auch nicht wirklich von ihm, mehr hörte es sich an, als ob eine unsichtbare Stimme im Raum war.
Samira stand in einer Ecke und klammerte sich an einen Typen, der die Begleitung von jemandem war.
Ich ging zum Skelett und nahm es ab, schon war es ruhig. Das ein oder andere Kichern war im Raum zu hören.
„Mia, Respekt. Gelungene Party“, sagte jemand.
„Oh mein Gott, was ist das?“, Benjamin zeigte auf die Zimmerdecke, wo sich ein schwarzes Loch bildete.
Ich ging näher heran, um es besser erkennen zu können.
Aus dem Loch kam schwarzer Nebel, alle drängten sich in die Ecken.

Der Rauch stieg herab und nahm die Gestalt eines schwarzen Wesens an, was sich genau in die Zimmermitte stellte.
Man erkannte kein Gesicht, oder Geschlecht, es war einfach nur schwarz und schwebte über dem Boden.
„I-i-i-c-c-h-h h-h-a-a-b-b-e-e H-u-u-n-g-g-e-e-e-r-r!“, mehr sagte es nicht.
Keiner meiner Gäste bewegte sich, alle waren blass und starrten dieses „Ding“ an, was sich langsam auf das Buffet zubewegte.
Es aß sich satt, unser Buffet war fast leer, als es wieder in die Mitte des Raumes schwebte.
Ich ging darauf zu, ich wollte es berühren, aber ich fasste in die Luft, ich konnte es einfach nicht berühren.
„Was bist du?“, meine Neugierde war größer, als meine Angst.
„I-i-c-c-h-h b-b-i-i-i-n-n d-e-e-e-r-r G-e-e-i-i-s-s-t-t d-e-e-r-r H-a-a-l-l-o-o-o-w-w-e-e-n-n-a-a-c-h-h-h-t-t.“, stammelte es.25
Bevor ich etwas sagen konnte, drehte es sich zu mir um und ich sah sein Gesicht.
Ich erschrak, aber nicht, weil es so grausam aussah, sondern, weil ich ein kindliches Gesicht sah.
Die Augen waren rot, die Haut war weiß, fast durchsichtig.
Es drehte sich wieder weg und der schwarze Nebel stieg empor.
Alle schauten zur Decke, teilweise mit offenen Mündern, keiner wagte, etwas zu sagen.

Plötzlich ging das Licht wieder an, alles war wieder so, wie es vor dieser unheimlichen Aktion war.
„Was war das denn?! Ein Geist?!“, Samira war kreidebleich.
„Ich glaube ja, aber er wollte nichts Böses. Jedes Jahr feiern wir Halloween und machen alles, um eine schaurige Atmosphäre zu schaffen. Vielleicht wollte er, dass wir uns mal richtig erschrecken.“, so langsam begriff ich, was gerade passiert war.
Ich fing an zu lachen und nach und nach stimmten alle mit ein.
Warum fürchteten wir uns? Schließlich taten wir wirklich alles, um uns zu erschrecken.
Wir feierten noch bis in die frühen Morgenstunden und eines war klar: diese Halloween Nacht würden wir so schnell nicht vergessen.

D.B.

Bildquelle: selbst gezeichnet von Autorin

Wir wünschen allen Happy Halloween und viel Spaß beim gruseln! =)

Der Wald der Wölfe

Der Wald der Wölfe

Eiichi langweilte sich bei dem Klassenausflug. Sein Lehrer hatte betont, dass Japan ein stolzes Land sei, welches eine lange Geschichte, wichtige Traditionen und einen ausgeprägten Nationalismus hatte. Manchmal fragte Eiichi sich, ob die Erwachsenen die er kannte, es irgendwie verpasst hatten, in der Moderne anzukommen. Was zählten Traditionen und Nationalismus denn noch in der modernen Zeit? Doch das änderte nichts daran, dass der Lehrer seine Klasse zu einem Ausflug in eine abgelegene Gegend mitgenommen hatte.
Der Junge war ein Mittelschüler von fünfzehn Jahren, und in seiner Klasse relativ unbeliebt. Aus diesem Grund mied er die Anwesenheit seiner Mitschüler auch jetzt, und hielt sich ein ganzes Stück hinter ihnen auf. Sie spazierten gerade über eine Holzbrücke, die, passend zur Umgebung, in einem altertümlichen Stil gehalten wurde. Unter der Brücke spannte sich die reine unberührte Natur, zumindest soweit sie zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch unberührt und rein sein konnte.
Wenn man von der Brücke aus seinen Blick schweifen ließ, sah man Hügel um Hügel voller Wald. Die verschiedensten Bäume standen nebeneinander und waren in einem urwüchsigen Stil gewachsen, der verriet, dass sie nicht von Menschen angepflanzt worden waren. Gelegentlich blitzte es zwischen den Bäumen auf, und es war auch ein leises Plätschern zu hören. Offenbar floss ein kleiner Bach durch diesen Teil des Waldes.
„Kommt alle her!“ dröhnte plötzlich die Stimme des Lehrers.
Widerwillig näherte sich Eiichi seinen Klassenkameraden. Diese warfen ihm auch schon ein paar gehässige Blicke zu, wahrscheinlich schmiedeten sie bereits Pläne, wie sie ihn wieder mobben konnten. Der Junge sah abfällig zurück.
„Teilt euch in kleinen Gruppen auf, oder geht alleine los, und sucht Blätter von Bäumen.“ sagte der Lehrer, „Und zwar von Bäumen, die so nur in Japan wachsen. Denn sie stellen einen wichtigen Bezug zu der Kultur unseres Landes dar. Wie etwa die Kirschblütenbäume, deren jährliche Blütezeit mit einem Fest der Erneuerung einhergeht.“
Die Mittelschüler teilten sich selbst in Gruppen auf. Üblicherweise blieben die Cliquen zusammen, die auch sonst ihre Zeit miteinander verbrachten. Ein Mädchen namens Junko sah Eiichi mit einem bösen, aber auch amüsierten Blick an. Dem Jungen strich ein ungutes Gefühl den Rücken herunter. Bestimmt plante sie wieder etwas, um ihn fertigzumachen. Doch der Lehrer nahm ihn beiseite.
„Ich würde vorschlagen, dass du in eine andere Richtung gehst, als diese dort.“ sagte er, „Du bist ein schlauer Junge, und deshalb werde ich dir etwas verraten. Mein Großvater hat mir erzählt, dass das ein urtümlicher Wald ist, in welchem noch die Yokai ihr Unwesen treiben. Normalerweise warne ich die ganze Klasse, aber ich möchte nicht, dass meine eigenen Schüler mich wieder auslachen, also sage ich es nur dir, denn du machst einen ziemlich schlauen und aufgeschlossenen Eindruck. Sei einfach vorsichtig.“
Eiichi war verwundert. Dabei machte sein Lehrer doch immer so einen rationalen Eindruck, er war reichlich überrascht, dass er jetzt ihm nun irgendwelchen Schauergeschichten über Yokai erzählen wollte. Wie jedes japanische Kind wusste, waren Yokai die Kreaturen aus der Folklore. Die Elfen, Feen und Dämonen die in asiatischen Mythen existierten. Manche von ihnen sahen wie Menschen aus, die meisten jedoch nicht. Einige waren gutartig, viele waren aber bösartig. Hin und wieder verliebten sich ein Mensch und ein Yokai ineinander, und bekamen dann zusammen ein Kind, welches weder ein Mensch noch ein Yokai, sondern ein Hanyo war. Aber es wusste doch jeder, dass sie nur Mythen waren. In Europa glaubte doch auch niemand mehr an den Osterhasen oder den Weihnachtsmann.
„Ja, genau, das werde ich machen.“ sagte Eiichi nur und ging los.

Der Junge war schon seit einiger Zeit im Wald unterwegs und hatte eine kleine Lichtung erreicht. Doch noch immer hatte er keinen Baum gefunden, welcher ganz eindeutig japanisch war. Zugleich jedoch konnte das auch daran liegen, dass er keine Ahnung von Pflanzen hatte. Da hätte er in der Schule wohl doch besser aufpassen müssen. Japan war ein Land mit einem hohen Leistungsdruck, die dem Einzelnen nur wenig Freiraum ließ. Umso verlockender war es, in der Schule einfach seinen Träumereien nachzugehen, statt dem Unterricht zu folgen. Doch plötzlich hörte er ein Geräusch. Einige bekannte Stimmen näherten sich. Eiichi erkannte sie, und versteckte sich hinter einem Gebüsch.
Junko trat auf die Lichtung, dichtauf gefolgt von zwei Jungen und zwei Mädchen. Sie sahen sich suchend um, doch offenbar fanden sie nicht das, was sie gesucht hatten.
„Wie ärgerlich!“ ließ sich Junko vernehmen, „Dabei hätte ich schwören können, dass dieser Loser noch vor ein paar Minuten hier war.“
„Dann ist er halt nicht mehr da. Na und? Wir können ihn doch jeden Tag fertigmachen.“ ließ sich einer der Jungen vernehmen.
„Hier können wir ihn aber so richtig erwischen. Selbst wenn er schreit, wer sollte ihn schon hören und ihm helfen?“ widersprach eines der Mädchen.
„Wir suchen ihn! Weit kann er noch nicht sein!“ bestimmte Junko.
Eiichi duckte sich tiefer ins Gebüsch, als die Mittelschüler sich aufteilten und ihn suchten. Das war wirklich übel. Was sollte er tun, wenn sie ihn fanden? Doch plötzlich rief einer der Jungen etwas. Eiichi sah auf, und bemerkte, dass er etwas gefunden hatte, worüber er sich freute. Es schien eine Art Wolf zu sein. Doch seltsamerweise war er vollkommen weiß. Und er schien auch noch eher jung zu sein, denn er war so groß wie ein Beagle oder ein Labrador.
„Was sollen wir mit dem Vieh?“ fragte eines der Mädchen.
„Spaß haben.“ antwortete der Junge, „Der Loser ist uns ja entkommen.“
Er warf den Wolf zu Boden, und die fünf Mittelschüler versammelten sich um ihn. Die Mädchen hatten dicke Stöcke aufgehoben, und lächelten böse. Eiichi sah, dass sie vorhatten, das Tier zu verletzen, oder sogar schlimmeres. Sosehr sie ihn auch mobbten, er durfte nicht zulassen, dass Junko und die anderen einem Tier schadeten!
Eiichi sprang aus dem Gebüsch und rannte auf die Mittelschüler zu. Mit der blanken Faust schlug er einem Mädchen ins Gesicht, und trat nach einem der Jungen. Er hob den jungen Wolf auf, und rannte mit ihm tiefer in den Wald.
„Da ist der Loser ja. Los, ihm nach. Aber zwei von uns sollten besser hierbleiben, falls er zurückkommt.“ sagte Junko.
Die beiden Mädchen meldeten sich freiwillig dazu, und die anderen drei gingen los. Nach einer Weile waren sie alleine.
„Und da wundert sich dieser Loser, warum wir alle auf ihn losgehen.“ meinte eines der Mädchen, „Da versaut er uns den Spaß, so ein blödes Vieh plattzumachen.“
„Die Jungs werden ihn unseren Ärger spüren lassen.“ meinte das andere Mädchen, „Er wird schon herausfinden, wo sein Platz ist.“
Plötzlich hörten die Mädchen ein leises Knurren hinter ihnen. Sie drehten sich um… und sahen einen riesigen Wolf. Er war mindestens so groß wie ein Pferd oder eine Kuh, und sein Fell war schneeweiß. Schreiend rannten die beiden Mädchen los, doch der Wolf streckte sie mit seinen Pranken nieder und zerfetzte sie.
Eiichi hatte den Rand einer Klippe erreicht. Er war so schnell und so weit gerannt, wie er konnte, doch die anderen Mittelschüler hatten ihn eingeholt. Der Junge hatte nicht gewusst, dass der Wald so hoch im Gebirge lag, dass es hier Klippen gab. Und langsam kreisten sie ihn ein.
„Ich lasse es nicht zu, dass ihr dem Tier etwas antut!“ sagte er.
„Und wie willst du uns daran hindern?“ fragte Junko hämisch.
Eiichi drückte den Wolf beschützend an sich. Jetzt bemerkte er auch, dass dieser von den Proportionen her, eher einem Welpen entsprach, doch dafür war er eigentlich viel zu groß. Zudem schien er auch seltsam vertraut gegenüber Menschen zu sein. Ein wilder Wolf lässt sich üblicherweise nicht einfach so anfassen. Der Wolf winselte ängstlich, als er sah, dass die drei Jugendlichen die ihn misshandeln wollten, immer näher kamen.
Die beiden Jungs stürzten sich auf Eiichi, während Junko den jungen Wolf packte. Der Junge tobte und wehrte sich gegen die beiden, doch sie waren stärker als er, und schlugen auf ihn ein. Junko trug den Wolf zum Rand der Klippe, und sah Eiichi wieder mit einer bösen Belustigung an. Diesmal konnte sich Eiichi von den beiden Jungs losreißen, und stürzte sich auf Junko. Sofort rannten die Jungs ihm nach, doch Junko hielt sie zurück.
„Ich werde diesen Loser zuerst fertigmachen. Dann könnt ihr ihm den Rest geben.“ sagte sie.
Eiichi wehrte sich gegen ihre Schläge, und trat ebenfalls nach ihr. Es war eine wüste Keilerei, die von den Jungs lachend kommentiert wurde. Schließlich hatten sie den Rand der Klippe erreicht. Eiichi stieß Junko von sich und sank selber zu Boden. Doch Junko taumelte ein Stück zu weit nach hinten, und fiel über die Klippe. Der junge Wolf in ihren Armen winselte wieder.
Eiichi stand sofort auf und rannte zu ihr hin. Endlich hatte er sie erreicht. Junko hielt sich an einer Wurzel fest, während der Wolf an ihr hing. Und langsam verlor sie den Halt. Eiichi sprang vor und packte zu. Seine Hände gruben sich in das weiche Fell des Wolfes, und einen Moment später verlor das Mädchen ihren Halt und stürzte in die Tiefe.
Eiichi ließ sich auf die Wiese am Rand der Klippe zurücksinken. Der junge Wolf leckte ihm freudig über das Gesicht. Eiichi streichelte das Tier und lächelte. Er hatte es geschafft, es zu retten. Als er aufstand, sah er, dass ein noch viel größerer Wolf zu ihm getreten war. Er war schneeweiß und etwa so groß wie eine Kuh oder ein Pferd, wenn nicht noch größer. Die beiden Jungen lagen in zwei großen Blutlachen auf dem Boden. Deshalb also waren sie ihrer Anführerin nicht zur Hilfe geeilt, der große Wolf hatte sie besiegt.
Er ging näher an Eiichi heran… und verwandelte sich. Er wurde nach und nach zu einem jungen Mädchen. Sie hatte eine helle Haut und spitze Ohren, und war mit einer Art Wolfsfell bekleidet. Eiichi schätzte, dass sie etwas jünger war als er.  Auch der junge Wolf verwandelte sich. Nun sah er auch beinahe menschlich aus, allerdings wie ein Junge von etwa fünf oder sechs Jahren.
„Ich danke dir dafür, dass du meinen kleinen Bruder beschützt hast.“ sagte das Mädchen, „Du bist ein wunderbarer Mensch, und hast ein großes Herz.“
„Du hast die anderen ja getötet.“ stellte Eiichi fest.
„Dir tue ich natürlich nichts. Guten Menschen tue ich nichts zuleide.“ antwortete das Mädchen.
Er übergab ihr den kleinen Jungen. Und das Mädchen, die Yokai, wie der Junge nun wusste, lächelte ihn an und sagte: „Von nun an bist du in diesem Wald jederzeit willkommen. Du kannst mich besuchen, sooft du möchtest.“
„Bestimmt mache ich das mal.“ antwortete er.
Beide verwandelten sich wieder in Wölfe und gingen los. Eiichi freute sich. Er würde seinem Lehrer viel zu erzählen haben. Er hatte seinen Mut bewiesen, und einen kleinen Jungen gerettet. Und er hatte jemanden gefunden, der vielleicht mit ihm befreundet sein wollte.
Der Junge machte sich auf den Rückweg.

ENDE

Daniel Ziemski

Das Herrenhaus

Das Herrenhaus

Nacht – Die Uhr schlug eins, als mich das Läutern meines Telefons weckte. Anfangs drehte ich mich auf die Seite des Bettes, um das Klingeln weitgehend zu überhören. Als die Klänge nicht verstummten und der Anrufer auf der anderen Leitung keinen Frieden gab, nahm ich mürrisch den Apparat aus der Station und drückte den grünen Hörer. „Hallo, Roxan hier?“ Eine ganze Zeit herrschte Stille, nur das Ticken des Weckers klang durch den Raum. Es muss sich um einen Scherz handeln. „Wenn Sie nichts zu sagen haben, dann leg ich auf“, den roten Hörer drücken wollend, meldete sich nun eine Stimme. „Tut mir sehr leid, ich hatte eine Störung in der Leitung. Hören Sie mich?“ Die Stirn runzelnd ließ ich den Daumen vom roten Schalter ab.
„Ja, bin noch da. Was ist denn los, dass Sie mich um diese Uhrzeit aus dem Bett jagen?“ Der Anrufer grummelte leise vor sich hin. „Möchten Sie etwas Spannendes erleben? Immerhin haben Sie noch nicht aufgelegt, obwohl Sie mich nicht kennen. Wie dem auch sei; Sie kennen sicherlich das alte Herrenhaus in dem Vorwäldchen. Es heißt, dort seien Personen verschwunden“. „Das sind doch bloß Gerüchte“, entgegnete ich ihm leise seufzend und hielt mir die Stirn. „Wenn Sie denken, dass etwas passiert ist, dann schauen Sie selbst nach oder haben Sie…“. Bevor ich meinen Satz äußern konnte, rief der Unbekannte ins Sprechgerät.
„Nicht! Ich denke, dass es Sie wirklich interessieren könnte. Jemand braucht Ihre Hilfe, das versichere ich Ihnen“. Als er gar nicht mehr aufhörte, willigte ich ein. Mulmig war mir bei dieser Angelegenheit aber schon.
Woher kennt er mich? „Gut, ich gehe“. „Machen Sie sich gleich auf den Weg“, gab er ein letztes Mal von sich, nur dass es sich dieses Mal schroff anhörte. Gleich daraufhin legte er auf, für ein paar Minuten starrte ich das Telefon an, ehe ich ebenfalls auflegte und dieses auf die vorhergesehene Station stellte. Vorerst stellte ich alles beiseite, zog mich nebenbei im Eiltempo um. Anschließend nahm ich mir vorsichtshalber ein Messer und eine Pistole mit, die ich mir anschließend in die Seiten der Stiefel steckte. Demnach musste ich aufpassen, dass ich mir nicht selbst mit dem Messer ins Fleisch schnitt. Die Waffe diente bloß zu Verteidigungszwecken. Man konnte nie wissen, gerade dann, wenn man in einer Generation lebt, in der Gewalt fast zur Tagesordnung gehört. Weit weg lag das Haus glücklicherweise nicht. Vorsichtshalber prüfte ich nach, ob ich nicht etwas vergaß: Schlüssel; Waffen; Handy und meine Börse. Kein Zweifel, alles war an seinem Platz.
Somit konnte ich mich auf den Weg ins Ungewisse machen.

Die Wohnung verlassen, lief ich schätzungsweise fünfzehn Minuten, bis ich den annähernden Wald erreichte. Dieser verstand es jemanden Angst einzujagen. Das lag nicht allein an der Tatsache, dass dieser den Weg verdunkelte, Geräusche von Tieren oder manch anderem in diesem wider hallten, es war ebenso der Nebelschleier. Flink mein Handy aus der Hosentasche gezogen, schaltete ich die Taschenlampe an, diese leuchtete mir den Weg. Mit jedem Schritt den ich ging, fühlte ich mich unwohler. Knack. Plötzlich vernahm ich einen lauten Ton, als ob mir jemand folgen würde. Augen weitend, fing mein Puls an zu rasen. Automatisch legte ich in meinem Gang eine Schüppe drauf und lief schneller, als zuvor. Immer wieder sah ich nach hinten, jedoch erweckte es den Anschein, als wenn es ein Ast war, der zerbrach und mir dementsprechend keiner folgen würde. Reiß dich zusammen. Einmal schauen und eine möglichst gute Antwort finden, dann gehst du. Du packst das, Sayuri. Mir Mut gebend, atmete ich durch und trat vor das Anwesen, dem Herrenhaus.

Mit der Taschenlampe leuchtete ich dieses an und bemerkte, dass es wohl vieles durchgestanden haben musste. Das Holz an den Wänden war abgenutzt; vereinzelnd waren die Fenster eingeschlagen; auf dem Dach klaffte ein riesiges Loch und der Eingang (Ausgang) war von einem riesigen Balken versperrt. Das Handy vergrub ich in meine Hosentasche, alsbald versuchte ich den Balken beiseite zu schieben. Verfluchter Mist, das rührt sich kein Stück. In meiner Umgebung nach Material suchend, fand ich einen Traktor…zu gefährlich. Das Haus war eh schon baufällig, also entschied ich mich dagegen. Vielleicht hatte ich Glück und fand etwas anderes….
Um das Haus streifend, bemerkte ich einen Lichtschacht. Allzu groß war er nicht, dennoch war das Fenster offen. Besser ist es, ich würde es probieren, als gar nichts ausrichten zu können. Probierend durch das Fenster zu rutschen, fiel mir ein kleiner Stein vom Herzen. Ich hatte es geschafft. Zeitgleich wurde die Last nur noch schwerfälliger, da ich mich auf unbekannten Territorium befand. Ich entschied mich, vorsichtig zu sein.
Diese Gegebenheit stellte sich als Kellergewölbe heraus. Einen Fuß nach dem anderen setzend, sah ich von links nach rechts. Viel Spinnenweben hatte sich hier und da gesammelt, aber etwas schien mich dennoch zu stören. Ich wusste nur noch nicht genau, was es war. Lange blieb ich nicht im Keller, durchsuchte nun das Erdgeschoss vom zwei stöckigen Herrenhaus.
Keine Frage, das Innere des Hauses war schön und vereinzelnd hingen hier und da Portraits eines Mannes, den ein kantiges Gesicht auszeichnete. Durch den ersten Stock laufend, vernahm ich Schritte.
Vielleicht ist das die Person die mich anrief, vielleicht aber auch nicht. Riskieren wollte ich nichts, somit schob ich den Gedanken beiseite und öffnete die erste Tür in dem Gang.

Dort fand ich mich in einem Raum wieder, der vor Blut nur so strotzte. Der Geruch von Eisen und Verrottetem stieg mir in die Nase, woraufhin sich der Reiz des Würgens zeigte. Stark bleiben, nicht die Nerven verlieren. Immerhin wollte ich dem Anrufer zuvor nicht glauben. Die Schritte stoppten vor der Tür.
Hat die Person mich gehört? Still wie ein Mäuschen blieb ich stehen, wagte es nicht einmal zu atmen.
Zu meinem Glück ging die Person weiter und verließ den Gang. Ich trat leisen Schrittes auf den Flur und lugte durch den gegenüberliegenden Raum. Hier schien allerdings nichts von weiterem belangen zu sein. In der dritten, befand sich eine Bücherei. Zusammen mit zwei Stühlen und einem Tisch – auf diesem lag ein blutverschmiertes Buch. Was wohl darauf steht? Ich nahm das Buch in die Hand und blätterte. Einige Hinweise deuteten darauf, dass dieser blonde Junge, den ich etwa sechszehn Jahre jung schätzte, der Hausherr war und seine Familie verschwand. Gerüchten zufolge hatte er sie umgebracht, Gründe oder dergleichen standen hier nicht. Das Buch auf den Tisch zurück legend, bemerkte ich die roten Finger die zuvor noch nicht auf den Seiten vorhanden waren. In diesem Moment sah ich auf meine Finger, das Blut war noch frisch und klebte nun an meinen Fingern. Mit einem Aufschrei ging ich in die Hocke. Mir wurde umso schneller bewusst, was ich getan hatte und hielt mir meinen Mund zu, wippte hin und her. Lange konnte ich in diesem Raum nicht bleiben, er würde sicher bald da sein. Ein Mörder, ein Psychopath, worauf habe ich mich da eingelassen?!  Den Kopf schüttelnd, schlug ich die Gedanken beiseite und verließ den Raum. Ungewöhnlich ruhig, dafür dass ich geschrien habe. Langsam ging ich voran und öffnete die letzte Tür auf der Westseite. Dieses Zimmer war recht simpel, ein Klavier stand im Raum und wieder hingen Bilder an den Wänden, weiter nichts. Augenscheinlich ein Musikzimmer. Ich wollte jetzt nicht aufhören. Vielleicht sind noch ein paar Personen am Leben. Zügig verließ ich die Westseite und lief auf die Ostseite. In diesem Gang sah es weitaus schlimmer aus. Das Blut an meinen Fingern war in dieser Hinsicht noch nichts. Zusammenreißen, zusammenreißen. Immer wieder sagte ich mir diese Worte, als ich den blutverschmierten Gang entlang lief und ein Körper ohne Kopf an der Wand lehnte. Der Geruch drang stark in allen Richtungen. Ich musste aus dem Raum heraus, deshalb öffnete ich die erste Tür, in der ich eine Art…Werkstatt widerfand. Werkzeuge lagen auf einem länglichen Tisch.

Das Werkzeug war verschmiert von Blut. Anscheinend war ich gerade in ernsten Schwierigkeiten. Ich hörte Schritte und ein Kratzen. Ein Schrank in der Ecke fiel mir in den Blickwinkel, gut für solch eine Situation. Die Tür des Schranks öffnend, bekam ich einen Schrecken. Wenn ich dies richtig deutete, dann waren hier die toten Körper seiner Familie verstaut. Ein Foto, welches heraus fiel sagte mir, dass es so war. Ich hatte keine Wahl, als mich in den Schrank zu quetschen, in dem sich schon haufenweise Maden gesammelt hatten. Bald wäre es wohl um mich geschehen. Ein Mann betrat den Raum. Man konnte nicht erkennen, ob er es war oder nicht. Er reagierte wie die Ruhe in Person, schien dennoch hin und her zu schauen. Seine Haut zeigte unzählige Brandnarben und sein Körper war nur mit einer Robe und einer Hose bedeckt, dreckig und verbrannt.
Wahrscheinlich ein Opfer. Er sucht Hilfe. Ich sollte ihm helfen. Vorsichtig öffnete ich den Schrank und schloss ihn hinter mir. Er war mit dem Rücken zu mir gewandt. Das Messer greifend, welches in einem meiner Stiefel steckte, drückte ich den Griff ein wenig in seinen Rücken. „Mach dir keine Gedanken. Ich bin auch hier um mehr zu erfahren, habe aber nicht gerechnet, dass noch jemand lebt. Hier, nimm das“, sagte ich zögernd, jedoch sanft zu ihm. Er griff mit seiner Hand nach hinten, umfasste den Griff und nahm es mir aus der Hand.
Schließlich drehte er sich um und schmunzelte mir süffisant entgegen. „Ich glaube, du weißt nicht, was du gerade damit angerichtet hast“.
Ich runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. „Na, dir die Waffe gegeben, damit…“.
Plötzlich fiel mir auf, dass er trotz der Verbrennungen Ähnlichkeit zu dem blonden jungen Mann besaß, dem Hausherrn. Der Unterschied zeigte sich auch im Alter; natürlich wurde er ebenfalls wie alle anderen älter; war keine sechszehn Jahre mehr, sondern etwa dreißig Jahre. Die Erkenntnis traf mich hart, die Augen weiteten sich und ich wich langsam mit jedem Schritt zurück. Dagegen ging er mit jedem Schritt voran. Dies ging solange, bis ich zwangläufig gegen eine Wand stieß und er mir den Weg mit seinem Arm versperrte. „Ihr seid doch alle gleich, haltet euch für etwas Besseres und vollbringt gute Taten. Schlechte Taten werden dabei vergessen“.
Entsetzt sah ich ihm in die Augen. „Musst du denn gleich alle umbringen?“
Er drückte mir das Messer gegen den Hals und sah mir in die Augen, als wolle er darin etwas erkennen und mir tief in die Seele blicken. „Sie haben mir das angetan! Meine Eltern und die Dorfbewohner haben mich verbrannt. Wollten mich umbringen, als wäre ich ein Ungeziefer. Als ich entkam, sperrten sie mich von der Gesellschaft weg und wollten mich verrotten lassen. Hätte ich mir das etwa gefallen lassen sollen, hm? Ich musste etwas unternehmen und meine Rache wird weiter geführt. Sie ist noch nicht vorbei. Erst recht nicht, wenn Jemand nahe stehendes dabei umkam“. Ich erinnerte mich an das Foto. Auf diesem waren seine Eltern und zwei Jungen abgebildet. „Dein…Bruder?“ Er verengte die Augen, der Ausdruck in ihnen verriet mir, dass ich recht behielt. „Es war alles geplant. Nun habe ich das Recht mich an denen zu rächen, die mir und meinem kleinen Bruder das angetan haben. Schmerzhaft, Niemand kann meine Wut verstehen“. Eine Straftat, aber…wäre es nicht normal, wenn man sich rächt? Gleiches darf man nicht mit gleichem bezahlen lassen.
Dies wäre wohl so der Normalfall.
Nicht recht wissend, was ich tun sollte blieb ich still und sah zu Boden. Mein Stündchen hatte eh geschlagen. Immerhin hatte er mir gerade sein Geheimnis erzählt. Er hielt noch immer die Position ein und bemerkte, dass ich unentschlossen wirkte. Dieser kam meinem Ohr näher. „Du kannst solange bleiben, wie ich dich brauche. Nützlich könntest du mir sein, übrigens…Ben“, mehr sagte er nicht.
Anfangs ließ er von mir ab, senkte das Messer und wandte sich von mir ab, doch schien er schnell seine Meinung geändert zu haben, als er mein Handgelenk umfasste. Panik stieg auf und mein Puls schlug schneller, sein Gesicht drehte er halb zu mir und sah mich aus dem Augenwinkel an. „Du wirst mitkommen“. Ein kaum merkliches Nicken erreichte ihn, ehe ich von ihm in Richtung Dachboden geschleppt wurde. Diesen betretend, bemerkte ich einen anderen Mann. Er war gefesselt und wirkte knapp fünfundzwanzig Jahre. Sein Blick erhellte sich wenig. Unter ihm lag ein kleiner Notizblock. Ich glaube, dass ich nun weiß, wer… Langsam wanderte mein Blick durch den Raum, jedoch schien ich nichts ausmachen zu können. Ben ließ meine Hand los und wandte sich dem Fenster zu, welches dieser öffnete. In diesem Augenblick deutete das Opfer auf die freien Seile um seine Handgelenke und auch auf seinen Mantel, indem sich ein Handy befand. Also doch, er war es zu Anfang. Langsam dämmert es mir. Den Telefonblock aufhebend, bemerkte ich das Zeichen einer Detektivmarke. Ben schien in diesem Moment einen Plan entwickelt zu haben. Zügig drehte ich mich ihm zu, spürte jedoch die Waffe die mir von diesem Detektiv aus dem Stiefel gezogen wurde. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt diesen zu erschießen, aber…es war falsch. In diesem Augenblick, als der Detektiv in seine Richtung zielte, sprang ich dazwischen. Ben wurde zwar getroffen, aber nicht stark genug. Ich sah ihn mit verengten Augen an. „Geh und mach was du tun musst. Du sollst aber wissen, dass ich dir auf den Fersen bin. Sobald du deine Taten vollendet hast, bist du mein Erzfeind“. Er hielt sich den verwundeten Arm, schmunzelte und stieg durch den Schacht, welcher sich in der Ecke befand. „Wir werden sehen“, entgegnete er, ehe dieser verschwand. Der Detektiv stand auf. „Was denken Sie sich dabei? Er hat schon viele auf dem Gewissen“. Mit den Schultern zuckend, antwortete ich ihm. „Diejenigen die ihm etwas genommen haben, sollen am eigenen Leib erfahren wie es ist. Sie wurden nie verhaftet, ganz gleich wie lange es schon her ist“.Der Detektiv verstummte. Die Stille wurde von Sirenen durchbrochen.
Sirenen der Polizei, die der Detektiv zuvor anforderte. „Und nun? Sie müssen sich verarzten lassen“, sagte er schließlich und bemerkte meine Verletzung, die ich mir hielt. Ein Schmunzeln entfuhr mir. „Gut zu wissen, dass Sie nun doch auf meine Seite sind. Ich würde wohl sagen, dass Sie das Versteck gefunden haben.“

Keine Spur jedoch von dem Täter gab und falls Sie dies angegeben haben, er schon vor etlichen Stunden geflüchtet sei. Seien Sie sich gefasst, ihn bekomme ich noch zu fassen. Ganz egal, wie lange ich brauche. Übrigens, das ist nur ein Streifschuss, schmerzt zwar schon sehr, aber ich werde diese Wunde wohl besser verdecken. Immerhin will ich nicht, dass wir auffliegen“. Er nickte zögernd, ging aber dann herunter.
Aus dem Fenster sehend, beobachtete ich den Sonnenaufgang. Der Detektiv hatte recht, eine aufregende Nacht in der vieles passiert war. Nicht auch zuletzt, da ich eine Aufgabe hatte, die sich lohnte, sie weiter zu verfolgen.

Sayuri Roxan

Wunder eines Sterns

Wunder eines Sterns

 Spät in der Nacht, wurde der Horizont von vielen kleinen Sternen erhellt. Ein Stern leuchtete für einen sechszehnjährigen Jungen heller, als jeder andere Stern. Er saß wie jedes Jahr auf einer Wiese, die sich auf kilometerweite Fläche erstreckte.  Dieser Junge hatte seit klein auf einen Wunsch und dieser war, …einen Stern für sich am Himmel zu ergattern. Nicht irgendein Stern sollte es sein, denn er wollte den ganz bestimmten hellen. Heute war sein Geburtstag und auch an diesem Tag, streckte er seine rechte Hand aus, um nach den hellsten Stern zu greifen. Seine Hoffnung ihn irgendeinmal zu bekommen, gab er nicht auf.

„Bitte, sei heute Nacht mein Stern und leiste mir Gesellschaft“, murmelte er vor sich hin. Plötzlich geschah das Unfassbare. Den Stern, den er so gern besitzen wollte, fiel in unabsehbarerer Entfernung vom Himmelszelt. Für einen Augenblick wollte er diesen Moment festhalten; allzu lange dauerte es allerdings nicht. So schnell seine Beine ihn tragen konnten, stand er auf und rannte zu der Stelle, an dem der Stern hinunter fiel. Dort, an diesem Punkt,….dort lag ein Mädchen. Langes blondes Haar, zierte ihren Kopf.

Ihre Haut und Körper glich Porzellan. Blass und zerbrechlich, wie eine Puppe. Ihr Körper war bekleidet mit einem hellen glitzernden Kleid, welches ihr bis zu den Oberschenkeln reichte. Ihr Antlitz wirkte so, als wolle sie den Sternen Konkurrenz bieten. Außerdem schien sie im gleichen Alter wie er zu sein.
Ihre Augen waren geschlossen, bis sie diese langsam öffnete und ihr Blick auf ihrem Körper verharrte. Ungläubig streckte sie die Arme und Hände aus, sah sich jeden Millimeter genauestens an, als wirke er ihr völlig fremdartig. Versuchend die Hände und Finger zu bewegen, bemerkte das Mädchen nun auch den Jungen. Als sie ihn sah, erschrak sie nicht, sondern fing an zu lächeln. Langsam stand sie auf, versuchte zu ihm zu gehen. Er wusste nicht, was er von dem Mädchen halten sollte. In seinem Gesicht stand deutlich geschrieben, dass er mit der Situation die gerade herrschte, völlig überfordert war.

„Wer bist du?“ Lang ersehnt fragte er sie. Immerhin hatte er sich einen Stern gewünscht und ein Mädchen konnte seines Erachtens kein Stern darstellen. Mit jedem wackeligen Schritt, den sie auf ihn zuging, umschloss sie ihre Hand fester und fester auf ihre Brust. „Du müsstest es doch wissen. Ich komme von dort oben“. Ihre Stimme klang sanft. Ihren Finger richtete sie strikt gen Himmel, als sie bei ihm ankam. Der Junge wurde wütender, je länger er ihre Bewegungen zum Horizont andeutete. „Das kann nicht sein, immerhin bist du kein…“. Er verstummte, schubste sie zu Boden und verschränkte die Arme. Stille trat ein, ehe das Mädchen murmelte. „…kein Stern, hm?“ Traurig sah sie vom Boden auf zu ihm. In ihren Augen bildete sich Nässe, Tränen bahnten sich ihren Weg aus den Augen, Tränen wie kleine funkelnde Sterne. „Ich habe dich schon immer beachtet, strahlte heller als die anderen, weil ich deine Aufmerksamkeit wollte und nun, da ich nur für diese Nacht ein Mädchen bin, die aus Fleisch und Blut ist, da wendest du dich von mir ab?“

Unfassbar…das konnte Niemand anderes wissen, zu dieser Erkenntnis kam der Junge und weitete in diesem Moment zeitgleich die Augen. Seine Wut war vollkommen erloschen, dafür zeigte sich eine Wärme in seinem Gesicht. Er fiel auf die Knie, zog das Mädchen an sich und umarmte sie liebevoll. Sein Atem erreichte ihr Ohr, als er ihr leise zuflüsterte. „Tut mir Leid. Ich wusste ja nicht, dass Wunder geschehen können“. Das Mädchen erwiderte seine Umarmung, legte den Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen.  „Es geschehen eben doch noch Wunder, man muss nur an sie glauben und denken, dass das unfassbare möglich werden kann“. Was beide momentan vergaßen und ebenso wenig darauf achteten, war, dass die Nacht ihr Ende gefunden hatte. Die Zeit verging wie im Flug, als die zwei in ihrer Umarmung verharrten.

Das Mädchen bemerkte, dass der Himmel nach ihr rief. Sie löste die Umarmung und legte die Lippen auf seine Wange. „Die Nacht ist vorbei, dein Wunsch ist erfüllt. Ich muss zurück“. Der Junge stand auf, versuchte sie festzuhalten. „Nein, bleib bei mir“, jedoch spürte er, wie sie sich nach und nach verflüchtigte. „Ich werde immer da sein, sprich mit mir und vielleicht…eines Tages, kann ich noch einmal zu dir kommen. Vergiss mich nicht“. Der Junge presste seine Zähne aufeinander, da er nicht verhindern konnte, dass sie ging. So plötzlich sie auftauchte, verschwand sie auch. „Du kannst mich hören, nicht wahr?“ Er schrie in den Sonnenaufgang hinein. „Nächstes Jahr, nächstes Jahr sehen wir uns wieder…und dieses Mal nicht nur für eine Nacht“. Er wollte sie für sich haben, sie sollte nur sein Stern sein und das auf ewig. Selbst, wenn ein ganzes Jahr verging, das unsagbare starke Gefühl, dass er für sie hatte, würde nicht verschwinden. Eine traumhafte Zukunft würde  den zweien bevorstehen, dies wussten beide schon jetzt.

Sayuri Roxan

Der Sandsammler

 Der  Sandsammler

An dem Strand  konnten Bewohner  und  Feriengäste fast  jeden Tag einen merkwürdige  Mann sehen – hoch und hager, in der Kleidung, die auf ihm immer wie auf dem Kleiderbügel hing. Er  setzte sich auf besonders geliebte Plätzte und suchte etwas mit dem Vergrößerungsglas. Er ist Sandsammler….Ja, wie die
anderen, die wertvolle Dinge, Kunst, Schallplatten, Briefmarken oder Bierflaschen kollektionieren, sammelt er Sandkörnchen. Zu Hause hat er viele Schränke mit Mappen, wo auf jedem Blatt( jedes mit gezielt von ihm erfundener Vergrößerungsfolie gedeckt) mit ausführlichen Anmerkungen die Sandkörnchen  eingeordnet sind. Der Sand  an diesem Strand war wirklich einzigartig – großkörnig und bunt. Das war ein Grund, warum er sich  in der Nähe niedergelassen hatte. Er behauptete, dass man zwischen seinen Funden alles – Sternschnuppe, Lava, unzählige  Minerale und sogar  Edelsteine- finden kann; alles natürlich so winzig wie ein Sandkorn. Das größte Vergnügen für ihn war etwas Bizarres, Eigenartiges  zu finden.

Er  war Baumeister von Beruf und suchte auch Inspiration in seinem Hobby. Allmählich war es schon mehr als nur sein Steckenpferd geworden. Es wurde die wichtigste Beschäftigung  seines Lebens  und er war damit ganz glücklich. Er hatte eine Konstruktion aus dünnsten, metallischen Gerten gebastelt. Bei passendem Wetter und einem besonders schönem Sonnenuntergang platzierte er diese Konstruktion am Strand  vor die Brandung, setzte auf sie einen kleinen Sockel, und  legte ein Sandkörnchen auf, so dass es aussah, als schwebe der Sockel in der Luft. Oder er baute aus einigen etwas wie z.B. Miniaturkopien von Stonehenge oder noch etwas Erstaunliches. Dann setzte er sich in den Sand vor diese surrealistische  Konstruktion  und beobachtete wie das Licht und die Farben sich vermischen im Wasser und auf zierlichem Sockel schillern.

Zuerst  bildete sich eine kleine Gruppe aus Menschen, die in diesem Mann für sich einen neuen Buddha  und  Guru zu finden hofften, aber weil er kein  Wort von sich aus gesprochen hatte, verließen sie  ihn  mit  Verlegenheit und  Enttäuschung. Natürlich hatte er viele Bekannte und ein paar echte Freunde, freilich die andere Menschen konnten ihn nicht  verstehen – was macht er, warum und wozu? Sie fragten sich, was findet er für sich in diesen  Sandkörnchen?  Er konnte  leidenschaftlich  stundenlang  von  seinen  Funden erzählen, aber gerne hörten  ihn  nur  neue  Angekommene  und  die  Kindern zu. Die Kinder, die mit ihren Eltern im Urlaub am Strand zum Spielen und Sonnen gekommen waren, hatten immer viel Spaß bei seinen Erzählungen. Sie begannen auch sofort, Sand in kleinen Plastiktüten  zu sammeln, der später von ihren Eltern (geheim vor dem eigenen Nachwuchs) ins Wasser  ausgeschüttet wurde. Selten interessierte sich jemand außer den Kindern dafür,  was er macht. Eigentlich war er noch kein alter Mann – noch keine 50 Jahre, aber er  hatte schon keine Hoffnung mehr, irgendwann für sich eine passende Lebensgefährtin zu finden. Früher oder später sind die Frauen, die mit ihm zusammen leben wollten,  aus seinem Sandkönigreich fortgelaufen.

Eines Tages sagte ihm sein Kumpel, dass ein Urlauber, der aus einem sehr entfernten Teil Russlands, Sibirien,  hierhin gekommen ist, ihm von einer Frau erzählte, die Schneeflocken sammelt! –Was?! — fragte der Mann. Habe ich richtig gehört – Schneeflocken?! Wie ist es möglich?  –wunderte er sich.

– Wenn du etwas mehr darüber erfahren möchtest, dann solltest du ihn noch heute finden. Morgen wird er schon zurück nach Hause reisen. Er heißt Viktor und wohnt  im Hotel gerade hinter diesem neuen Einkaufzentrum.

Nachdem er alle geplanten  Angelegenheiten erledigt hatte, fast am Abend, ging  der Sandsammler ins erwähnte Hotel und versuchte es sich zu vorstellen, wie es möglich ist – Schneeflocken zu sammeln? –Sie ist doch nur eine Frau, keine Schneekönigin!?  Mit eigener Vorstellungsskraft  malte er sich einen großen Raum, wo  reihenweise  Gefrierschränke stehen und dort drinnen, auf dunklem Samtpapier, gefrorene Schneeflöckchen liegen. Wahrscheinlich ist es wichtig immer die richtige Temperatur aufrechtzuerhalten – dachte er.

Die  Angestellte an der Rezeption im Hotel verstand sofort, wen der Mann  finden wollte. Sie telefonierte mit dem Sibirier und nach kurzer Zeit kam Viktor mit dem Aufzug in die große Empfangsgshalle hinuntergefahren.

Er war nicht groß, schmalaugig, hatte wettergebräunte Haut und sprach Englisch mit merkwürdigem lispelndem Akzent. Nach einigen höflichen Fragen sagte der Sandsammler,  was er ihn eigentlich fragen wollte. — Ob er wirklich eine Frau kennt, die Schneeflocken sammelt?

–Ach das! –  der Sibirier lachte laut auf — Nein, ich kenne diese Frau nicht persönlich. Ich habe von ihr nur in einem Schulaufsatz  gelesen. Das war ein städtischer Wettbewerb zwischen Schülern verschiedenen Altersgruppen und ein Junge aus der jüngsten Gruppe stellte so seine Mutter dar. Wenn Sie das etwas genauer wissen möchten, dann versuche ich ihn zu finden, aber  erst in zwei Monaten. Die Schüler haben jetzt noch  zwei Monate lang Ferien.

Der beiden Männer tauschten die E-Mailadressen aus und der Sandsammler wünschte ihm eine gute Heimreise.

Mitte September bekam er endlich die Mitteilung – der Junge befindet sich im Stadtinternat.  Er ist nur 10 Jahre alt und behauptet, dass seine Mutter tatsächlich Schneeflocken sammelt und es ist keine Phantasie; aber wie sie das macht ist das Geheimnis!  Also, was kann man von einem kleinen Jungen erwarten, wenn er fast neun Monaten im Internat wohnt  und seine Mutter nur in den Ferien  sieht? Natürlich ist die Mutter für ihn eine Zauberin. Trotzdem hat sich der Mann entschlossen, nach Sibirien zu reisen,  um diese Frau kennen zu  lernen.  Es dauerte  alles sehr lange – er wollte von der Frau  die Erlaubnis  haben, sich mit ihm zu treffen, aber dort, wo sie wohnte, gab es fast kein Verbindung – kein Internet, und auch mit dem Mobiltelefon konnte ihr Sonn sie nicht immer erreichen. Außerdem musste er noch eine Einladung und ein Visum  kriegen, die er nur mit der Hilfe des Sibiriers aus dem Hotel bekommen hatte. Also, erst im Februar stand er im Flughafen,  vollständig  vorbereitet und  mit vielen warmen Kleidungsstücken im Koffer. Dann begann die  Reise – erster Flug: Vier Stunden. Nächster Tag: Noch sieben Stunden Flug nach Salechard. Dort holte ihn der Sibirier vom Flughafen ab und dann sollte er zwei Tagen  im Hotel auf den Hubschrauber  warten, der  ihn zu dem Ort bringen sollte. In diesen zwei Tagen ist ihm klar geworden, dass ihn seine warmes Jacke und seine Schuhe vor diesem mächtigen Frost mit durchdringendem Wind  vielleicht nicht retten könnten.  Am nächsten Tag, nach starkem Schneesturm, konnte er doch mit dem Hubschrauber weiter fliegen. Nach mehr als zweistündigem Flug über Tundra, Flüsse und dichte Wälder landeten sie  weit vor dem Waldrand auf einem weiten verschneiten Feld. Dort, in einiger Entfernung, standen Leute mit zwei Motorschlitten und noch einem größeren Schlitten mit vier eingespannten Rentieren. Sobald der Hubschrauber gelandet war (inmitten von Schneewolken, die von den rotierenden Luftschrauben hochgewirbelt wurden), kamen die Wartenden sofort mit ihren Schlitten herangefahren. Der Mann  sprang aus dem Hubschrauber heraus und sank bis zu den Knien in den Schnee.  Er wurde nur kurz begrüßt von den Einheimischen – drei kleingewachsenen Menschen-, weil sie so schnell wie möglich den Hubschrauber  ausladen sollten, der sonst  wegen des starken Frosts nicht wieder in die Luft hochkommen konnte. In wenigen Minuten war alles fertig. Erst dann kam die kleine Frau zu dem Mann und stellte sich vor:

–Ich bin die Mutter des Jungen, der jenen Schulaufsatz geschrieben hat. Ich heiße Sanda. Mein Sohn erzählte mir von Ihrem Hobby und ich bin froh, Sie kennen zu lernen.-  Mit diesen Worten bat sie den Mann in den Rentier-Schlitten, den sie selbst leitete, und bedeckte ihn mit einem Tierfell.

Die Frau war so klein, dass sie sogar zusammen mit der Pelz-besetzten Kapuze auf ihrem Kopf kaum bis zu seiner Brust reichte. Sie hatte ein flaches Gesicht und große asiatische Augen. Beim Lachen warf  sie ihren  Kopf  so stark zurück, dass  ihr Kinn fast in den Himmel gerichtet war. Dann machte sich der kleine Zug vom Ort der Landung  in  Richtung  Wald auf. Etwas später verstärkte sich hinter ihm der Lärm vom Hubschrauber-Triebwerk, schwer begannen sich Propeller zu drehen und umgeben von Wänden aus aufgewirbeltem Schnee, hing der Hubschrauber einige Zeit über dem Erdboden, machte eine steile Kurve und flog zurück. Die Motorschlitten überholten schnell die Rentiere und erreichten schon fast den Waldrand. Es war ganz still geworden.

Die Nordhirsche rannten geräuschlos, leicht den weichen Schnee umgrabend, und  der Schlitten knirschte ein bisschen.

Unterwegs fragte die Frau ihn, wie es möglich sei – Sand zu sammeln?  Sie lachte viel. Sie erzählte ihm von sich selbst und ihren Geschwistern und  ihr Englisch war zur Überraschung des Mannes sehr gut.

Als kleines Mädchen lebte sie, wie jetzt ihr Sohn auch, im Internat und deshalb kann sie gut Englisch. Außer  ihr konnte nur ihr jüngster Bruder Englisch sprechen,  weil er auch im Internat war. Zwei ältere Brüder und Schwestern  sind dagegen immer mit den Eltern bei dem Rentierzüchten geblieben und, wie alle andere Verwandte, sprechen sie nur Nenzisch* und ein bisschen Russisch. Sie alle sind aus einem ursprünglichen Volk  Sibiriens, das Nenzen heißt. Das Volk nennt sich selbst “ Söhne des Rentiers“. Eigentlich waren sie immer nur Nomaden, und sollten alle drei Tage an einen neuen Ort umziehen.  Heute  hängen sie  nicht mehr so stark wie früher von ihren Tieren, der Jagd und dem Fischen ab. Der  Hubschrauber liefert ihnen ein oder zwei Mal pro Monat  einige Lebensmittel, Akkumulatoren und für Kinder Spielzeuge und Bücher. Manchmal können sie sogar fernsehen, wenn sie an einem Ort sind, wo eine tragbare Antenne das Funksendersignal empfangen kann. In  letzter Zeit möchten  immer mehr Nenzen in einer Stadt oder größeren Siedlung wohnen. Sie selbst  lebte auch mehr als 20 Jahre in der Stadt, heiratete dort, bekam einen Sohn , und erst nach der Scheidung von ihrem Ehemann, wohnt sie wieder bei ihren Verwandten im Wald oder im Sommer in der Tundra, aber nie länger als einen Monat an einem Ort. Sie hilft ihnen mit dem Haushalt, pflegt die kleinen Kinder ihrer Schwester und Schwägerinnen und näht schöne, teure Nationalkleidung aus Pelz. Sie hat auch eine eigene  kleine Herde Rentiere  – zirka 25 Tieren –  die  ihre Brüder zusammen mit eigenen Tieren hüten. Sie waren  schon fast 30 Minuten lang unterwegs und der Mann sah nur dichten Wald und kein Zeichen menschlicher Wohnstätte. Plötzlich endete der Wald vor einer großen Waldwiese. Gerade antwortete der Mann etwas, und verstummte plötzlich mitten im Satz. Die Lagerstelle erinnerte an die Siedlung der Nordamerikanischen Indianer. Viele Zelten waren mit großen Fellbälgen bedeckt und Schnee lag auf der Nordseite der Zelte. Über jedem stieg eine kleine taubenblaue Rauchsäule auf.

– Unser Heim heißt Tschum. Mach dir keine Sorgen! – Beruhigte Sanda den Gast – Drinnen ist es warm und gemütlich, nur gibt es nicht so viel Platz – lächelte sie.

Die beide standen schon vor einem Tschum. Die Frau schob den Fellschleier beiseite und betrat das Innere.   –Mach‘s dir bequem. Ich soll die Schlitten ausladen  und die Rentiere in die Herde freilassen.   Mit diesen Worten verschwand sie hinter der Felltür.

In der Mitte der Bleibe befand sich eine mit  Steinen belegte Feuerstelle. Viele für ihn ungewöhnliche  Gerüche spürte er gleichzeitig. Es roch nach getrockneten Kräutern, die in kleinen Bunden hier und da hingen, nach Tannenzweigen auf dem Boden, die auch mit Fellbälgen bedeckt waren, und noch ein bisschen nach dem bitterem Geruch von Feuerrauch; dieser vermischte sich mit dem lockenden Duft heißen Essens aus einem, in einen Pelzmantel gewickelten Topf.

(Fortsetzung folgt)

S.D.W.

*Die Nenzen sind ein uraltes Volk, welches im Ural in Sibirien lebt. Sie sind Nomaden und betreiben Rentierzucht

Tag X

Tag X

Nun dauert es nicht mehr lang, und ich spüre die Aufregung mittlerweile fast täglich mit einer kribbelnden Gänsehaut durch meinen Körper jagen.
Die kleinen, weißen Härchen an meinen Armen stellen sich auf, und egal, wie oft ich darüber nachdenke – ich kann mich einfach nicht daran erinnern, dass sie je eine andere Farbe gehabt hätten.
Draußen ist es sehr kalt, doch bringt diese Kälte auch eine unfassbare, starre Schönheit mit sich.
Das Eis glänzt und glitzert, die Oberfläche des Meeres spiegelt Millionen leuchtender Sterne und lässt ihre Abbilder tanzen, als folgten sie einer romantischen, leisen Melodie, die nur sie allein hören können.
Wenn ich draußen herumspaziere und die Wunder betrachte, die nur die Natur schaffen kann, werde ich meist ganz still und ehrfürchtig. Ich fühle mich so winzig, obwohl ich weiß, ich bin es nicht.
Im Gegenteil, es gibt Zeiten im Jahr, in denen ich zu einer der wichtigsten Personen im Leben vieler, vieler Menschen werde. Kleiner Menschen.
Wie lange ich lebe oder wann das Alles mit mir angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Es ist auch nicht wichtig. Nicht wichtig für mich!
Jeden Tag kann ich sehen, wie voller Wunder die Luft um mich herum ist – ich rieche sie, ich schmecke sie auf meiner Zunge und manchmal kann ich sie gerade noch am Rande meines Sichtfeldes als glitzernde, schimmernde Reflexe wahr nehmen.
Wenn ich draußen bin, dringen unaufhörlich Geräusche an mein Ohr – zumindest dann, wenn ich mich nicht zu einem langen, weitläufigen Spaziergang entschließe. Aber den mache ich selten – ich sehe keinen Grund darin, mich allzu weit von dem zu entfernen, wo ich mich so wohl fühle.
Ich höre die emsigen Vorbereitungen meiner kleinen Freunde, die in den Werkstätten hektischer werden, nur, weil der große Tag nun da ist.
Oft sage ich ihnen, dass sie Zeit haben, dass es nicht nötig ist, im Dezember panischer zu sein als in allen anderen Monaten im Jahr. Ich weiß, viele denken dass wir hier nur zum Jahresende beschäftigt sind, aber das macht nichts.
In jeder Woche wird hier gearbeitet, schon im Januar beginnen wir uns um die neuen Wünsche der kleinen Menschen zu kümmern, die uns im Dezember mit leuchtenden Augen belohnen. Das müssen wir, denn es gibt so viele von ihnen, und jeder Einzelne wünscht sich die halbe Welt.
Aus dem Stall dringt Stampfen und Schnauben; gern betrete ich das warme Gebäude, in dem meine treuen Wegbegleiter wohnen.
Magie liegt über dem Bauwerk, nie ist es hier schmutzig, kalt oder dunkel. Wann immer ich hierherkomme und diesen trockenen, erdigen Duft wahrnehme, fühle ich einen Moment tiefer Ruhe. Die Gewissheit, dass ich auf meinen Touren sicher bin, solange sie nur alle bei mir sind.
Rentiere sind so erstaunlich – sie können die Temperatur ihres Körpers regulieren, indem sie das Blut in ihren Beinen abkühlen und so die Wärme in den Oberkörper ziehen. Das hilft ihnen oft, wenn wir zu unserer einen, aber sehr, sehr langen und extrem kalten Ausfahrt aufbrechen.
Meine sind natürlich besonders erstaunlich und vor Allem wunderbar, denn sie gehören zu mir. Zu uns. Wir sind hier eine Familie, eine große, gut geölte Maschinerie, in der sich die Mitglieder zum Glück wirklich mögen. Meine Frau ist die, die sich um alle kümmert, unsere kleinen Mitarbeiter sind wie unsere Kinder. Wo sie herkommen? Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wo jeder von uns oder alles hier her kommt.
Meiner Vermutung nach ist es die Fantasie die uns in der Existenz festhält – die Fantasie unglaublich vieler Generationen kleiner Menschen.
Vielleicht begann jeder von uns als Imago. Jemand der in der Vorstellungskraft so deutlich ist, dass er ein Wesen, ein Gesicht erhält. Wir hier, unsere Welt, unser Schaffen und unser Leben ist ein kollektives Imago, wir sind lebendig geworden durch die Vorstellungskraft von Millionen. Wir sind Imagination. Wir sind wahr – aber nur, solange jemand an uns glaubt. Wenn dieser Glaube aufhört?
Vielleicht verpuffen wir dann. Vielleicht endet unser Zyklus wie der der Blätter, die im Herbst von den Bäumen segeln. Erlebt habe ich das nie, aber ich habe darüber gelesen und es in vielen, vielen Träumen kleiner Menschen gesehen.
Ja, wir sehen in Träume, nur so können wir erkennen, was sie im tiefsten Inneren wünschen, was wir ihnen ermöglichen können. Und wir sehen wie artig sie waren, denn das Unterbewusstsein kann nicht lügen.
Leider vermögen wir es nicht, Menschen zusammenzubauen – oft sehen wir, dass sich jemand Verstorbene zurückwünscht, oder auch Eltern, die sich die Sache mit ihrer Trennung noch einmal überlegen.
Das liegt nicht in unserer Schaffenskraft, lag es noch nie… und ich erinnere mich an Zeiten, in denen mich jedes einzelne dieser Schicksale getroffen hat, die Traurigkeit die mit diesen Wünschen verbunden war.
Aber so Kummervoll diese Anliegen auch sind – keiner von uns wurde für den Schwermut geschaffen.
Freude, Spaß, ein wenig Magie und Herzenswärme. Glänzende Augen. Strahlende Gesichter und vor Allem Fantasie, der Erhalt der Fantasie ist das, was unser Überleben sichert.
Ich lasse meine Hand über Cupids warmen Rücken gleiten. Er schnaubt mich an und ich srentiertreichele ihn zwischen den Augen.
Rentiere werfen ihr Geweih im Winter ab – nur meine nicht.
„Bald ist es so weit, unsere Zeit rückt näher“ sage ich leise, und alle schauen mich aufmerksam mit ihren großen, samtenen Augen an.
„Der Sack wird gerade geschlossen. Ihr werdet bald geholt, um angespannt zu werden. Ich wollte euch viel Kraft und vor Allem Spaß für unseren Ausflug wünschen. Denkt an die für die wir es tun“
Wie immer werden die Tiere plötzlich ganz ruhig. Normalerweise stampfen sie, fressen, drücken sich gegenseitig aus dem Weg oder laufen einfach nur herum – aber jedes Jahr, wenn ich ihnen Bescheid gebe dass wir bald aufbrechen, gibt es diesen Augenblick stiller, bewegungsloser Meditation.
Ich lasse sie damit allein, denn es scheint ein intimer Moment zu sein, in dem ich sie nicht stören will.
In der großen Hauptwerkstatt empfängt mich emsiges Treiben und eine fast ohrenbetäubende Geräuschkulisse. Fast alle sind hier. In der Mitte, auf dem Platz, der dafür vorgesehen ist, steht mein Sack. Er ist prall gefüllt und reicht fast bis zur kuppelartigen Decke.
Im Januar ist der Sack klein. Leer. Er sieht dann immer fast traurig und winzig aus auf seinem weitläufigen Platz. Doch das ändert sich im Laufe des Jahres. So wie hier das ganze Jahr über eifrige Betriebsamkeit herrscht, füllt sich die braune Jute Tag für Tag, bis sie an diesem speziellen Tag die Größe und Höhe eines Hauses erreicht.
Er wird geschrumpft. Natürlich wird er das. Er ist nicht mit einzelnen Geschenken gefüllt, das gäbe ein heilloses Durcheinander und würde das Abliefern nur unnötig in die Länge ziehen. Ich habe so schon kaum Zeit, doch wie sehr würde ich alles verzögern, wenn ich erst ewig in meinem Gepäck herumkriechen müsste, um das passende Geschenk hervorzukramen?
In diesem Sack befinden sich weitere Säcke. Viele Säcke, alle sortiert und geordnet nach meiner Route. In jedem dieser Säcke finden sich die Geschenke für Abschnitte meiner Tour. Die einzelnen Säcke werden geschrumpft, sie sind aus einem speziellen Material, das mit glitzernden Fäden reinen Magiestoffes durchzogen ist. Der große Sack drum herum wächst oder schrumpft mit seinem Inhalt.
Deswegen wird er auch jetzt gerade kleiner. In dieser Sekunde wird sein gesamter Inhalt komprimiert, bis ich ihn brauche. Immer nur ein Sack, der, den ich auf meinem Abschnitt der Reise benötige, entfaltet seine Größe und steht hinter mir auf dem Schlitten. Der Rest wartet, bis er dran ist.
Wie immer dauert dieser Prozess einige Stunden, in denen die meisten meiner kleinen Freunde nicht wagen, die Hauptwerkstatt zu verlassen. Dabei könnten sie sich frei nehmen, sie könnten sich nach monatelanger Arbeit entspannen – doch jeder von ihnen werkt auf diesen einen Tag hin, und jeder von ihnen will beim Finale nicht fehlen.
Meine Frau stellt sich lächelnd an meine Seite, sie hat dampfenden Kakao in einer Tasse dabei und steckt mir meine Handschuhe und meine Mütze in die Taschen meines Mantels während ich ihn trinke. Meinen freien Arm lege ich um ihre Schultern, und wir sehen schweigend zu, wie der Sack in sich zusammenschrumpft.
Am Abend ist er fertig. Wenn seine finale Größe erreicht ist, beginnt die Plattform auf der er liegt, sanft rot zu leuchten – das Zeichen dafür, dass er bereit ist.
Auch, wenn der Sack in meinen Schlitten gebracht wird, leuchtet die Plattform weiter – das macht sie so lang, bis ein neuer Arbeitszyklus beginnt und die leere Jute an ihren Platz zurückgekehrt ist.
Meine treuen Wegbegleiter sind schon angespannt, nervös scharrend und schnaubend warten sie darauf, dass ich einsteige und ihnen den Befehl zum Aufbruch gebe.
Diesen Moment liebe ich besonders, deswegen verharre ich kurz und lasse die ganze Situation auf mich wirken.
Mein Schlitten ist riesig, er leuchtet; die vor Erwartung prustenden Tiere sind geschmückt mit Glöckchen und goldenem Engelshaar.
Meine Freunde aus der Werkstatt tanzen und hüpfen um mich herum, die Luft wirkt wie elektrisiert. Einzig meine Frau ist der ruhende Pol in der Menge, einer ihrer Hände liegt auf meiner Schulter. Auch sie sieht auf den Schlitten. In ihrem Gesicht spiegeln sich Stolz, sanfter Frieden und Freude.
Wie vor jeder meiner Reisen wende ich mich ihr zu und küsse ihre Wange. Sie strahlt mich an und hält mein Gesicht in ihren Händen, schickt mir stumme Botschaften mit ihren glänzenden Augen.
Ich nicke ihr zu, und sie lässt ihre Hände zu meinen Schultern wandern und streicht einige Falten in dem Stoff darauf glatt, eh sie mich mit einer einzelnen glitzernden Träne im Augenwinkel entlässt.
Ich spüre unbändige Aufregung, als ich unter dem Jubel aller, die das ganze Jahr so hart für diese Nacht gearbeitet habmanni2-001en, in meinen Schlitten steige und die breiten, weichen Zügel in die Hände nehme.
Bewegen muss ich sie nicht, denn meine Tiere beben vor Anspannung und galoppieren los, noch ehe ich richtig sitze. Auch sie können es kaum erwarten.
Schnell setze ich mich und winke Allen, die eilig aus dem Weg springen und sich für einen besseren Blick gegenseitig auf die Schultern geklettert sind, lachend zu.
Und schon heben wir ab. Die kalte Abendluft zerzaust meine Haare und zieht an meiner Kleidung, doch die ist zum Glück so dick gefüttert, dass ich nichts davon spüre.
Die Gänsehaut die meinen Körper bedeckt, kommt von der Vorfreude auf all die strahlenden und erwartungsfreudigen Gedanken, die mich schon bald in den unzähligen Häusern und Wohnungen überwältigen wird.
Ich werfe einen Blick zurück. Unter mir glitzert unsere Apparatur von Magie und Emsigkeit in kleiner werdenden, leuchtenden Spinnennetzen aus Licht.
Niemand kann sie sehen, niemand außer uns und denen, die sie erschaffen – lauter kleine Menschen, deren Imagination unsere Luft zum Atmen ist.
Solange auch nur einer von ihnen glaubt, werden all diese Lichter weiterleuchten.
Solange uns einer von ihnen weiterhin seine Träume schenkt, wird unsere Magie durchhalten und wir hören nicht auf, das Glänzen und Glitzern in die Welt zu tragen.
Nur einer von ihnen mit genug Fantasie verwandelt sich für alle in das Kraftwerk, das uns mit der Energie versorgt, mit der wir all die kleinen Menschen in dieser Nacht verzaubern können.
Nur einer.

JK

Das Huhn, das keine Eier legen konnte

Das Huhn, das keine Eier legen konnte

Im Hühnerstall war mächtig was los, denn es ging auf Ostern zu, und der Osterhase benötigte die Eier; sie mussten ja noch schön bunt angemalt werden. Aus allen Ecken ertönte Gegacker und der stolze Hahn Tortelloni, gebürtiger Italiener, war Herr über seine fleißigen Hühnerdamen.
Immer dieser Stress vor den Festtagen. „Warum essen Menschen bloß so viele Eier zu Ostern?“, lispelte die schöne Amanda und verdrehte genervt ihre orange-gelben Augen, während sie schon das fünfte Ei an  diesem frühen Morgen legte.
„Wer versteht das schon“, entgegnete Helga Huhn. „Wer versteht das schon!“ Sie neigte dazu immer alles zu wiederholen, was sie den ganzen Tag so gackerte, und sie gackerte nur, was allen anderen Hühnern mächtig auf die Federn ging.
Die eingebildete Agathe, ihrer Ansicht nach das schönste und fleißigste Hühnchen und Liebling Tortellonis, giggelte leise vor sich hin, um dann mit näselnder Stimme zu verkünden: “Nun ja, ich bin ja beurlaubt, mein Zustand erlaubt es mir nicht, mich zu sehr anzustrengen. Immerhin brüte ich gerade Tortellonis Küken aus. Vielleicht kann mir mal jemand Wasser bringen, ich bin durstig!“
„Ich glaub mir fallen gleich ein paar Federn aus“, schimpfte Bruni das älteste Huhn. “Wir haben genug zu tun und keine Zeit dich zu bedienen.“ Sie gackerte sich rot vor Wut. “Immerhin bin ja ich das Haupthuhn vom Chef, also hab ich hier im Stall auch das Sagen“, plusterte sich Agathe auf. „Also man bringe mir Wasser, aber dalli!“
„Ich geb dir dalli!“, kreischte Helga, „Ich geb dir dalli!“, und stob auf die nun doch erschrockene Agathe zu, um ihr kräftig mit dem Schnabel ins Gesicht zu picken. Es war so ein Geschrei im Hühnerstall,  dass es kaum auszuhalten war.
„Madonna, so ein Theater unter euch“, schimpfte der stolze Hahn Tortelloni, der durch das Gekreische angelockt worden war und nun stolz inmitten seiner Hühner stand, um wieder Ordnung in den etwas aus dem Ruder gelaufenen Morgen zu bringen. „Was ist denn hier los, mamma mia!“ Und ließ laut ein italienisches Kikeriki ertönen, um seine herrschaftliche Position noch mal zu unterstreichen.
Aber nun ging es richtig rund im Stall, denn die Hühner gackerten alle durcheinander; jedes wollte dem Hahn erzählen, was geschehen war. “Ruhe, Kikeriki, Ruhe!“, versuchte der schöne, bunte Tortelloni mit dem ansehnlichen roten Kamm (auf den er sehr stolz war) sich Gehör zu verschaffen und reckte stolz seine Brust. „Pronto, ihr sollt Eier legen!“, tönte er laut. „Und nicht den Hühnerstall in ein Irrenhaus für Hühner verwandeln!“ Und er schimpfte, dass es der Bauer noch auf der Weide bei den Kühen hörte, die gemütlich grasten, während ihre Euter langsam vor sich hin schaukelten. Wenigstes bei den Kühen war Idylle.
Nun kehrte langsam im Stall wieder Ruhe ein und die Tiere gingen wieder ihrer Tätigkeit nach, dem Eierlegen. Nur mit dem Unterschied, dass alle Mädels beleidigt waren und nun gar nicht mehr miteinander gackerten. „Na also, geht doch!“, meinte der Gockel, um wieder in Ruhe auf seinen Misthaufen zu stolzieren, auf dem er seinen Beobachtungsposten hatte. Einer muss ja schließlich auf den Hof achten!
Niemand hatte während der ganzen Zeit auf Henriette geachtet, die seit Tagen in ihrem Nest saß und noch nicht ein Ei gelegt hatte. So sehr sie sich auch bemühte, es wollte einfach nicht klappen, und so zog Henriette doch noch die Aufmerksamkeit der anderen Hühner auf sich. „Faul, sag ich euch, faul! Und wie sie wieder aussieht.“ Helga war nicht zu bremsen, hatte sie nun das nächste Opfer. „Seht mal ihre Federn, sind die nun weiß oder braun?“ „Sie ist wahrhaftig ein zerrupftes Huhn“, stichelte nun auch die sonst so besonnene Helga, während Gisela, das verrückteste Huhn aus dem Stall, auf dem Rücken lag und nicht mehr aus dem Gackern rauskam. „Sie sieht aber auch zu dämlich aus mit ihrem komischen Kopf, und sie ist so groß, und zum Eierlegen ist sie auch zu blöd.“ Und nun lachten alle Hühner die arme Henriette aus, die derweil immer noch in ihrem Nest saß und sehr sehr traurig war. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, dass es mit dem Eierlegen nicht klappte. Je mehr sie sich auch bemühte und hinten drückte, es war kein Ei zu sehen.
Wieder musste Tortelloni von seinem Misthaufen steigen, um für Ruhe im Stall zu sorgen. „Es wird immer schlimmer mit den Hühnern“, beklagte er sich bei Brutus, dem alten Hofhund. “Ich bin auch nicht mehr der Jüngste und würde am liebsten auf einem Hof in meiner Heimat Italien meinen Lebensabend verbringen, es wird mir alles zu viel. Aber wer soll dann hier für Ordnung sorgen? Ein Nachfolger ist nicht in Sicht und die Hühner werden immer verrückter.“ So ließ er noch mal ein lautes Kikeriki ertönen, reckte wieder einmal die Brust, um sich Respekt zu verschaffen, und betrat den Stall.
Die Hühnerdamen hatten sich mittlerweile um das Nestchen Henriettes versammelt und jede versuchte nach dem armen Tierchen zu hacken. Als plötzlich der stolze Tortellini sah, was niemand bisher gesehen hatte, nicht einmal der Bauer. „Ruhe! Kikeriki! Ruhe!“, donnerte der alte Hahn und machte der bösen Hühnerschar kräftig Beine. Die rannte gackernd umher und mit einem Mal wurde es ganz leise im Hühnerstall, denn vor lauter Angst hatte Henriette tief Luft geholt und als sie vor Erleichterung auspusten wollte, weil der Hahn sie gerettete hatte, ertönte ein lautes kräftiges Kikeriki. Henriette war gar keine Henriette, sondern ein Henry!
Das war es also was Tortelloni gesehen hatte, es war ihm wie Schuppen von seinen bunt- umfederten Augen gefallen. Das zerrupfte Hühnchen war ein zarter, wenn auch noch kein bunter, Hahn.
Und so freute sich die ganze Hühnerschar, am meisten Henry, der ja nun sehr erleichtert war, den Grund zu wissen, warum er keine Eier legen konnte. Aus ihm wurde ein sehr stolzer, bunter Hahn und er führte seine Hühnerschar liebevoll und gerecht. Was nicht so einfach war, wie man sich ja denken kann, bei so verrückten Hühnern. Torttelloni, der alte Hahn, erfüllte sich seinen Traum und zog ins sonnige Italien, und nahm Agathe und seine kleinen Tortellinis mit. Dort wurden sie sehr glücklich und der alte Hahn konnte sich endlich von den Mühen seines Lebens ausruhen. Und auch der Osterhase freute sich, denn wirklich schmecken tun nur die Eier von glücklichen Hühnern, und das sind ja letztlich alle geworden. Und wenn ihr mal nach Italien kommt, vielleicht trefft ihr ja unseren weisen, alten Hahn Tortelloni…dann grüßt ihn schön von seinem Freund Henry.
                                                       Sabine Kirsch36

Der Aprilschreck

Der Aprilschreck

Alle Jahre wieder- kommt der April! Ich weiß, es klingt mehr nach Weihnachten, aber so wie sich Weihnachten jedes Jahr wiederholt, tut es auch der April.
Das schlimme ist jedoch, dass man oft gar nicht daran denkt und somit in die fiesesten Fallen rutscht, so wie die Person in meiner Geschichte.
Carina ist ein junges Mädchen, sie ist gerade frische 17 Jahre alt und genießt ihr Teenagerleben mit Höhen und Tiefen.
Es gibt in ihrem Leben zwei Dinge, die sie stören.

  1. Ihre kleine Schwester Ellie.
  2. Dass sie ihren Schwarm Nico nicht für sich gewinnen kann.

Aber gut, jeder hat diese Phasen und man muss lernen, damit zu leben.
Es ist also der 01.04., der Wecker klingelt um sechs Uhr; Carina ist eigentlich eine notorische Langschläferin und hasst diese Wochentage, besonders, wenn ihre Mutter nur zwei Minuten nach dem Wecker den Kopf in die Türe hinein steckt und mit einem scharfen Ton „Steh endlich auf!“ sagt.
Doch an diesem Morgen tat sie das nicht.
Um 06.15 Uhr steht sie auf, immer noch ist nichts von ihrer Mutter zu sehen, auch ihre Schwester Ellie ist nicht zu hören, dabei streiten sie sich sonst jeden Morgen, wer von beiden als erste in das Bad darf.
Nachdem Carina sich für die Schule fertig gemacht hat, schaut sie in alle Zimmer, niemand ist da.
`Wo sind denn alle? `, so langsam macht sie sich Sorgen.
Sie macht sich schnell ein Frühstück, nimmt ihre Jacke und eilt zum Bus.
An der Haltestelle angekommen ist ebenfalls niemand zu sehen, ansonsten wimmelt es hier um diese Uhrzeit von Schülern, aber niemand, nur eine ältere Dame, die mit ihrem Hund Gassi geht, ist in der Ferne zu sehen.
Der Bus naht und hält genau vor Carina; sie steigt ein und ist überrascht: auch im Bus ist kein Schüler zu sehen.
So langsam wird sie unruhig und beschließt, ihre Mutter auf deren Handy anzurufen. Nach langem Klingeln geht nur die Mailbox an.
Nach zwanzig Minuten hält der Bus an der Haltestelle, an der Carina aussteigen muss; sie läuft den kleinen Schleichweg wie jeden Morgen und freut sich, gleich ihre beste Freundin Sarah zu sehen, denn sie wollte ihr von ihrem mysteriösen Morgen erzählen.
An der Schule angekommen wundert sie sich, dass es still ist- kein Lehrer, und auch kein Schüler ist weit und breit zu sehen.
Sie geht zu der großen Eingangstür und muss überrascht feststellen, dass diese verschlossen ist.
Sie setzt sich auf die kalten Steinstufen und wählt Sarah´s Nummer, doch das Handy ist ausgeschaltet.
`Ich stecke in einem Albtraum fest, aus dem ich nicht erwache. Wo sind denn alle? `, die Unruhe steigt, und sie weiß langsam nicht mehr was sie tun soll, also geht sie zurück zur Haltestelle und wartet auf den Bus, der sie wieder nach Hause bringen soll.
An ihrer Haustür angekommen, sucht sie den Schlüssel; beim aufschließen der Türe, hofft sie inständig, dass ihre Mutter und ihre Schwester daheim wären und ihr erklären könnten, was los sei.
„Hallo? Ist jemand zu Hause?“, keine Antwort dringt zu ihr.
`Nun gut`, denkt sie sich `dann gehe ich jetzt ins Wohnzimmer und schaue TV, irgendwann müssen sie ja nach Hause kommen, sie können schließlich nicht spurlos verschwunden sein.
Als sie die Wohnzimmertüre öffnet kommt ihr ein lautes „April, April“, entgegen und sie sieht ihre Mutter, Ellie, Sarah und noch ein paar ihrer Freunde im Wohnzimmer stehen, die sich krumm und schief lachen.
„Was soll das denn? Wieso seid ihr alle hier?“, Carina ist sauer, sie fühlt sich veräppelt.
„Es ist Sonntag du Dummerchen“, ihre Mutter streichelt ihr liebevoll über ihr Haar.
„Du sagtest noch gestern, dass du deinen Wecker stellst und ich dich nicht wecken bräuchte, da du schließlich kein Kleinkind mehr wärst, daran habe ich mich heute Morgen gehalten. Ellie und ich haben uns im Keller versteckt und gewartet, dass du weg bist, dann haben wir Sarah und ein paar deiner Freunde eingeweiht und sie kamen vorbei.“, Carina musste lachen.
„Und ich dachte schon, ihr wäret alle verschwunden!“, sie spürte Erleichterung in sich aufsteigen.
„Vielleicht sollte ich dich in Zukunft doch wieder wecken?“, ihre Mutter grinste sie an. Carina nickte nur.
„Wir freuten uns so sehr, dass auch heute noch der erste April ist, da macht es doch doppelt Spaß jemanden zu ärgern.“, Carina schaute sich im Raum um und fing an zu lachen. „Na wartet, das bekommt ihr nächstes Jahr zurück!“                                                                                                 D.B.

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