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Das Herrenhaus

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Das Herrenhaus

Nacht – Die Uhr schlug eins, als mich das Läutern meines Telefons weckte. Anfangs drehte ich mich auf die Seite des Bettes, um das Klingeln weitgehend zu überhören. Als die Klänge nicht verstummten und der Anrufer auf der anderen Leitung keinen Frieden gab, nahm ich mürrisch den Apparat aus der Station und drückte den grünen Hörer. „Hallo, Roxan hier?“ Eine ganze Zeit herrschte Stille, nur das Ticken des Weckers klang durch den Raum. Es muss sich um einen Scherz handeln. „Wenn Sie nichts zu sagen haben, dann leg ich auf“, den roten Hörer drücken wollend, meldete sich nun eine Stimme. „Tut mir sehr leid, ich hatte eine Störung in der Leitung. Hören Sie mich?“ Die Stirn runzelnd ließ ich den Daumen vom roten Schalter ab.
„Ja, bin noch da. Was ist denn los, dass Sie mich um diese Uhrzeit aus dem Bett jagen?“ Der Anrufer grummelte leise vor sich hin. „Möchten Sie etwas Spannendes erleben? Immerhin haben Sie noch nicht aufgelegt, obwohl Sie mich nicht kennen. Wie dem auch sei; Sie kennen sicherlich das alte Herrenhaus in dem Vorwäldchen. Es heißt, dort seien Personen verschwunden“. „Das sind doch bloß Gerüchte“, entgegnete ich ihm leise seufzend und hielt mir die Stirn. „Wenn Sie denken, dass etwas passiert ist, dann schauen Sie selbst nach oder haben Sie…“. Bevor ich meinen Satz äußern konnte, rief der Unbekannte ins Sprechgerät.
„Nicht! Ich denke, dass es Sie wirklich interessieren könnte. Jemand braucht Ihre Hilfe, das versichere ich Ihnen“. Als er gar nicht mehr aufhörte, willigte ich ein. Mulmig war mir bei dieser Angelegenheit aber schon.
Woher kennt er mich? „Gut, ich gehe“. „Machen Sie sich gleich auf den Weg“, gab er ein letztes Mal von sich, nur dass es sich dieses Mal schroff anhörte. Gleich daraufhin legte er auf, für ein paar Minuten starrte ich das Telefon an, ehe ich ebenfalls auflegte und dieses auf die vorhergesehene Station stellte. Vorerst stellte ich alles beiseite, zog mich nebenbei im Eiltempo um. Anschließend nahm ich mir vorsichtshalber ein Messer und eine Pistole mit, die ich mir anschließend in die Seiten der Stiefel steckte. Demnach musste ich aufpassen, dass ich mir nicht selbst mit dem Messer ins Fleisch schnitt. Die Waffe diente bloß zu Verteidigungszwecken. Man konnte nie wissen, gerade dann, wenn man in einer Generation lebt, in der Gewalt fast zur Tagesordnung gehört. Weit weg lag das Haus glücklicherweise nicht. Vorsichtshalber prüfte ich nach, ob ich nicht etwas vergaß: Schlüssel; Waffen; Handy und meine Börse. Kein Zweifel, alles war an seinem Platz.
Somit konnte ich mich auf den Weg ins Ungewisse machen.

Die Wohnung verlassen, lief ich schätzungsweise fünfzehn Minuten, bis ich den annähernden Wald erreichte. Dieser verstand es jemanden Angst einzujagen. Das lag nicht allein an der Tatsache, dass dieser den Weg verdunkelte, Geräusche von Tieren oder manch anderem in diesem wider hallten, es war ebenso der Nebelschleier. Flink mein Handy aus der Hosentasche gezogen, schaltete ich die Taschenlampe an, diese leuchtete mir den Weg. Mit jedem Schritt den ich ging, fühlte ich mich unwohler. Knack. Plötzlich vernahm ich einen lauten Ton, als ob mir jemand folgen würde. Augen weitend, fing mein Puls an zu rasen. Automatisch legte ich in meinem Gang eine Schüppe drauf und lief schneller, als zuvor. Immer wieder sah ich nach hinten, jedoch erweckte es den Anschein, als wenn es ein Ast war, der zerbrach und mir dementsprechend keiner folgen würde. Reiß dich zusammen. Einmal schauen und eine möglichst gute Antwort finden, dann gehst du. Du packst das, Sayuri. Mir Mut gebend, atmete ich durch und trat vor das Anwesen, dem Herrenhaus.

Mit der Taschenlampe leuchtete ich dieses an und bemerkte, dass es wohl vieles durchgestanden haben musste. Das Holz an den Wänden war abgenutzt; vereinzelnd waren die Fenster eingeschlagen; auf dem Dach klaffte ein riesiges Loch und der Eingang (Ausgang) war von einem riesigen Balken versperrt. Das Handy vergrub ich in meine Hosentasche, alsbald versuchte ich den Balken beiseite zu schieben. Verfluchter Mist, das rührt sich kein Stück. In meiner Umgebung nach Material suchend, fand ich einen Traktor…zu gefährlich. Das Haus war eh schon baufällig, also entschied ich mich dagegen. Vielleicht hatte ich Glück und fand etwas anderes….
Um das Haus streifend, bemerkte ich einen Lichtschacht. Allzu groß war er nicht, dennoch war das Fenster offen. Besser ist es, ich würde es probieren, als gar nichts ausrichten zu können. Probierend durch das Fenster zu rutschen, fiel mir ein kleiner Stein vom Herzen. Ich hatte es geschafft. Zeitgleich wurde die Last nur noch schwerfälliger, da ich mich auf unbekannten Territorium befand. Ich entschied mich, vorsichtig zu sein.
Diese Gegebenheit stellte sich als Kellergewölbe heraus. Einen Fuß nach dem anderen setzend, sah ich von links nach rechts. Viel Spinnenweben hatte sich hier und da gesammelt, aber etwas schien mich dennoch zu stören. Ich wusste nur noch nicht genau, was es war. Lange blieb ich nicht im Keller, durchsuchte nun das Erdgeschoss vom zwei stöckigen Herrenhaus.
Keine Frage, das Innere des Hauses war schön und vereinzelnd hingen hier und da Portraits eines Mannes, den ein kantiges Gesicht auszeichnete. Durch den ersten Stock laufend, vernahm ich Schritte.
Vielleicht ist das die Person die mich anrief, vielleicht aber auch nicht. Riskieren wollte ich nichts, somit schob ich den Gedanken beiseite und öffnete die erste Tür in dem Gang.

Dort fand ich mich in einem Raum wieder, der vor Blut nur so strotzte. Der Geruch von Eisen und Verrottetem stieg mir in die Nase, woraufhin sich der Reiz des Würgens zeigte. Stark bleiben, nicht die Nerven verlieren. Immerhin wollte ich dem Anrufer zuvor nicht glauben. Die Schritte stoppten vor der Tür.
Hat die Person mich gehört? Still wie ein Mäuschen blieb ich stehen, wagte es nicht einmal zu atmen.
Zu meinem Glück ging die Person weiter und verließ den Gang. Ich trat leisen Schrittes auf den Flur und lugte durch den gegenüberliegenden Raum. Hier schien allerdings nichts von weiterem belangen zu sein. In der dritten, befand sich eine Bücherei. Zusammen mit zwei Stühlen und einem Tisch – auf diesem lag ein blutverschmiertes Buch. Was wohl darauf steht? Ich nahm das Buch in die Hand und blätterte. Einige Hinweise deuteten darauf, dass dieser blonde Junge, den ich etwa sechszehn Jahre jung schätzte, der Hausherr war und seine Familie verschwand. Gerüchten zufolge hatte er sie umgebracht, Gründe oder dergleichen standen hier nicht. Das Buch auf den Tisch zurück legend, bemerkte ich die roten Finger die zuvor noch nicht auf den Seiten vorhanden waren. In diesem Moment sah ich auf meine Finger, das Blut war noch frisch und klebte nun an meinen Fingern. Mit einem Aufschrei ging ich in die Hocke. Mir wurde umso schneller bewusst, was ich getan hatte und hielt mir meinen Mund zu, wippte hin und her. Lange konnte ich in diesem Raum nicht bleiben, er würde sicher bald da sein. Ein Mörder, ein Psychopath, worauf habe ich mich da eingelassen?!  Den Kopf schüttelnd, schlug ich die Gedanken beiseite und verließ den Raum. Ungewöhnlich ruhig, dafür dass ich geschrien habe. Langsam ging ich voran und öffnete die letzte Tür auf der Westseite. Dieses Zimmer war recht simpel, ein Klavier stand im Raum und wieder hingen Bilder an den Wänden, weiter nichts. Augenscheinlich ein Musikzimmer. Ich wollte jetzt nicht aufhören. Vielleicht sind noch ein paar Personen am Leben. Zügig verließ ich die Westseite und lief auf die Ostseite. In diesem Gang sah es weitaus schlimmer aus. Das Blut an meinen Fingern war in dieser Hinsicht noch nichts. Zusammenreißen, zusammenreißen. Immer wieder sagte ich mir diese Worte, als ich den blutverschmierten Gang entlang lief und ein Körper ohne Kopf an der Wand lehnte. Der Geruch drang stark in allen Richtungen. Ich musste aus dem Raum heraus, deshalb öffnete ich die erste Tür, in der ich eine Art…Werkstatt widerfand. Werkzeuge lagen auf einem länglichen Tisch.

Das Werkzeug war verschmiert von Blut. Anscheinend war ich gerade in ernsten Schwierigkeiten. Ich hörte Schritte und ein Kratzen. Ein Schrank in der Ecke fiel mir in den Blickwinkel, gut für solch eine Situation. Die Tür des Schranks öffnend, bekam ich einen Schrecken. Wenn ich dies richtig deutete, dann waren hier die toten Körper seiner Familie verstaut. Ein Foto, welches heraus fiel sagte mir, dass es so war. Ich hatte keine Wahl, als mich in den Schrank zu quetschen, in dem sich schon haufenweise Maden gesammelt hatten. Bald wäre es wohl um mich geschehen. Ein Mann betrat den Raum. Man konnte nicht erkennen, ob er es war oder nicht. Er reagierte wie die Ruhe in Person, schien dennoch hin und her zu schauen. Seine Haut zeigte unzählige Brandnarben und sein Körper war nur mit einer Robe und einer Hose bedeckt, dreckig und verbrannt.
Wahrscheinlich ein Opfer. Er sucht Hilfe. Ich sollte ihm helfen. Vorsichtig öffnete ich den Schrank und schloss ihn hinter mir. Er war mit dem Rücken zu mir gewandt. Das Messer greifend, welches in einem meiner Stiefel steckte, drückte ich den Griff ein wenig in seinen Rücken. „Mach dir keine Gedanken. Ich bin auch hier um mehr zu erfahren, habe aber nicht gerechnet, dass noch jemand lebt. Hier, nimm das“, sagte ich zögernd, jedoch sanft zu ihm. Er griff mit seiner Hand nach hinten, umfasste den Griff und nahm es mir aus der Hand.
Schließlich drehte er sich um und schmunzelte mir süffisant entgegen. „Ich glaube, du weißt nicht, was du gerade damit angerichtet hast“.
Ich runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. „Na, dir die Waffe gegeben, damit…“.
Plötzlich fiel mir auf, dass er trotz der Verbrennungen Ähnlichkeit zu dem blonden jungen Mann besaß, dem Hausherrn. Der Unterschied zeigte sich auch im Alter; natürlich wurde er ebenfalls wie alle anderen älter; war keine sechszehn Jahre mehr, sondern etwa dreißig Jahre. Die Erkenntnis traf mich hart, die Augen weiteten sich und ich wich langsam mit jedem Schritt zurück. Dagegen ging er mit jedem Schritt voran. Dies ging solange, bis ich zwangläufig gegen eine Wand stieß und er mir den Weg mit seinem Arm versperrte. „Ihr seid doch alle gleich, haltet euch für etwas Besseres und vollbringt gute Taten. Schlechte Taten werden dabei vergessen“.
Entsetzt sah ich ihm in die Augen. „Musst du denn gleich alle umbringen?“
Er drückte mir das Messer gegen den Hals und sah mir in die Augen, als wolle er darin etwas erkennen und mir tief in die Seele blicken. „Sie haben mir das angetan! Meine Eltern und die Dorfbewohner haben mich verbrannt. Wollten mich umbringen, als wäre ich ein Ungeziefer. Als ich entkam, sperrten sie mich von der Gesellschaft weg und wollten mich verrotten lassen. Hätte ich mir das etwa gefallen lassen sollen, hm? Ich musste etwas unternehmen und meine Rache wird weiter geführt. Sie ist noch nicht vorbei. Erst recht nicht, wenn Jemand nahe stehendes dabei umkam“. Ich erinnerte mich an das Foto. Auf diesem waren seine Eltern und zwei Jungen abgebildet. „Dein…Bruder?“ Er verengte die Augen, der Ausdruck in ihnen verriet mir, dass ich recht behielt. „Es war alles geplant. Nun habe ich das Recht mich an denen zu rächen, die mir und meinem kleinen Bruder das angetan haben. Schmerzhaft, Niemand kann meine Wut verstehen“. Eine Straftat, aber…wäre es nicht normal, wenn man sich rächt? Gleiches darf man nicht mit gleichem bezahlen lassen.
Dies wäre wohl so der Normalfall.
Nicht recht wissend, was ich tun sollte blieb ich still und sah zu Boden. Mein Stündchen hatte eh geschlagen. Immerhin hatte er mir gerade sein Geheimnis erzählt. Er hielt noch immer die Position ein und bemerkte, dass ich unentschlossen wirkte. Dieser kam meinem Ohr näher. „Du kannst solange bleiben, wie ich dich brauche. Nützlich könntest du mir sein, übrigens…Ben“, mehr sagte er nicht.
Anfangs ließ er von mir ab, senkte das Messer und wandte sich von mir ab, doch schien er schnell seine Meinung geändert zu haben, als er mein Handgelenk umfasste. Panik stieg auf und mein Puls schlug schneller, sein Gesicht drehte er halb zu mir und sah mich aus dem Augenwinkel an. „Du wirst mitkommen“. Ein kaum merkliches Nicken erreichte ihn, ehe ich von ihm in Richtung Dachboden geschleppt wurde. Diesen betretend, bemerkte ich einen anderen Mann. Er war gefesselt und wirkte knapp fünfundzwanzig Jahre. Sein Blick erhellte sich wenig. Unter ihm lag ein kleiner Notizblock. Ich glaube, dass ich nun weiß, wer… Langsam wanderte mein Blick durch den Raum, jedoch schien ich nichts ausmachen zu können. Ben ließ meine Hand los und wandte sich dem Fenster zu, welches dieser öffnete. In diesem Augenblick deutete das Opfer auf die freien Seile um seine Handgelenke und auch auf seinen Mantel, indem sich ein Handy befand. Also doch, er war es zu Anfang. Langsam dämmert es mir. Den Telefonblock aufhebend, bemerkte ich das Zeichen einer Detektivmarke. Ben schien in diesem Moment einen Plan entwickelt zu haben. Zügig drehte ich mich ihm zu, spürte jedoch die Waffe die mir von diesem Detektiv aus dem Stiefel gezogen wurde. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt diesen zu erschießen, aber…es war falsch. In diesem Augenblick, als der Detektiv in seine Richtung zielte, sprang ich dazwischen. Ben wurde zwar getroffen, aber nicht stark genug. Ich sah ihn mit verengten Augen an. „Geh und mach was du tun musst. Du sollst aber wissen, dass ich dir auf den Fersen bin. Sobald du deine Taten vollendet hast, bist du mein Erzfeind“. Er hielt sich den verwundeten Arm, schmunzelte und stieg durch den Schacht, welcher sich in der Ecke befand. „Wir werden sehen“, entgegnete er, ehe dieser verschwand. Der Detektiv stand auf. „Was denken Sie sich dabei? Er hat schon viele auf dem Gewissen“. Mit den Schultern zuckend, antwortete ich ihm. „Diejenigen die ihm etwas genommen haben, sollen am eigenen Leib erfahren wie es ist. Sie wurden nie verhaftet, ganz gleich wie lange es schon her ist“.Der Detektiv verstummte. Die Stille wurde von Sirenen durchbrochen.
Sirenen der Polizei, die der Detektiv zuvor anforderte. „Und nun? Sie müssen sich verarzten lassen“, sagte er schließlich und bemerkte meine Verletzung, die ich mir hielt. Ein Schmunzeln entfuhr mir. „Gut zu wissen, dass Sie nun doch auf meine Seite sind. Ich würde wohl sagen, dass Sie das Versteck gefunden haben.“

Keine Spur jedoch von dem Täter gab und falls Sie dies angegeben haben, er schon vor etlichen Stunden geflüchtet sei. Seien Sie sich gefasst, ihn bekomme ich noch zu fassen. Ganz egal, wie lange ich brauche. Übrigens, das ist nur ein Streifschuss, schmerzt zwar schon sehr, aber ich werde diese Wunde wohl besser verdecken. Immerhin will ich nicht, dass wir auffliegen“. Er nickte zögernd, ging aber dann herunter.
Aus dem Fenster sehend, beobachtete ich den Sonnenaufgang. Der Detektiv hatte recht, eine aufregende Nacht in der vieles passiert war. Nicht auch zuletzt, da ich eine Aufgabe hatte, die sich lohnte, sie weiter zu verfolgen.

Sayuri Roxan

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