Redaktions Center

Das Huhn, das keine Eier legen konnte

Share

Das Huhn, das keine Eier legen konnte

Im Hühnerstall war mächtig was los, denn es ging auf Ostern zu, und der Osterhase benötigte die Eier; sie mussten ja noch schön bunt angemalt werden. Aus allen Ecken ertönte Gegacker und der stolze Hahn Tortelloni, gebürtiger Italiener, war Herr über seine fleißigen Hühnerdamen.
Immer dieser Stress vor den Festtagen. „Warum essen Menschen bloß so viele Eier zu Ostern?“, lispelte die schöne Amanda und verdrehte genervt ihre orange-gelben Augen, während sie schon das fünfte Ei an  diesem frühen Morgen legte.
„Wer versteht das schon“, entgegnete Helga Huhn. „Wer versteht das schon!“ Sie neigte dazu immer alles zu wiederholen, was sie den ganzen Tag so gackerte, und sie gackerte nur, was allen anderen Hühnern mächtig auf die Federn ging.
Die eingebildete Agathe, ihrer Ansicht nach das schönste und fleißigste Hühnchen und Liebling Tortellonis, giggelte leise vor sich hin, um dann mit näselnder Stimme zu verkünden: “Nun ja, ich bin ja beurlaubt, mein Zustand erlaubt es mir nicht, mich zu sehr anzustrengen. Immerhin brüte ich gerade Tortellonis Küken aus. Vielleicht kann mir mal jemand Wasser bringen, ich bin durstig!“
„Ich glaub mir fallen gleich ein paar Federn aus“, schimpfte Bruni das älteste Huhn. “Wir haben genug zu tun und keine Zeit dich zu bedienen.“ Sie gackerte sich rot vor Wut. “Immerhin bin ja ich das Haupthuhn vom Chef, also hab ich hier im Stall auch das Sagen“, plusterte sich Agathe auf. „Also man bringe mir Wasser, aber dalli!“
„Ich geb dir dalli!“, kreischte Helga, „Ich geb dir dalli!“, und stob auf die nun doch erschrockene Agathe zu, um ihr kräftig mit dem Schnabel ins Gesicht zu picken. Es war so ein Geschrei im Hühnerstall,  dass es kaum auszuhalten war.
„Madonna, so ein Theater unter euch“, schimpfte der stolze Hahn Tortelloni, der durch das Gekreische angelockt worden war und nun stolz inmitten seiner Hühner stand, um wieder Ordnung in den etwas aus dem Ruder gelaufenen Morgen zu bringen. „Was ist denn hier los, mamma mia!“ Und ließ laut ein italienisches Kikeriki ertönen, um seine herrschaftliche Position noch mal zu unterstreichen.
Aber nun ging es richtig rund im Stall, denn die Hühner gackerten alle durcheinander; jedes wollte dem Hahn erzählen, was geschehen war. “Ruhe, Kikeriki, Ruhe!“, versuchte der schöne, bunte Tortelloni mit dem ansehnlichen roten Kamm (auf den er sehr stolz war) sich Gehör zu verschaffen und reckte stolz seine Brust. „Pronto, ihr sollt Eier legen!“, tönte er laut. „Und nicht den Hühnerstall in ein Irrenhaus für Hühner verwandeln!“ Und er schimpfte, dass es der Bauer noch auf der Weide bei den Kühen hörte, die gemütlich grasten, während ihre Euter langsam vor sich hin schaukelten. Wenigstes bei den Kühen war Idylle.
Nun kehrte langsam im Stall wieder Ruhe ein und die Tiere gingen wieder ihrer Tätigkeit nach, dem Eierlegen. Nur mit dem Unterschied, dass alle Mädels beleidigt waren und nun gar nicht mehr miteinander gackerten. „Na also, geht doch!“, meinte der Gockel, um wieder in Ruhe auf seinen Misthaufen zu stolzieren, auf dem er seinen Beobachtungsposten hatte. Einer muss ja schließlich auf den Hof achten!
Niemand hatte während der ganzen Zeit auf Henriette geachtet, die seit Tagen in ihrem Nest saß und noch nicht ein Ei gelegt hatte. So sehr sie sich auch bemühte, es wollte einfach nicht klappen, und so zog Henriette doch noch die Aufmerksamkeit der anderen Hühner auf sich. „Faul, sag ich euch, faul! Und wie sie wieder aussieht.“ Helga war nicht zu bremsen, hatte sie nun das nächste Opfer. „Seht mal ihre Federn, sind die nun weiß oder braun?“ „Sie ist wahrhaftig ein zerrupftes Huhn“, stichelte nun auch die sonst so besonnene Helga, während Gisela, das verrückteste Huhn aus dem Stall, auf dem Rücken lag und nicht mehr aus dem Gackern rauskam. „Sie sieht aber auch zu dämlich aus mit ihrem komischen Kopf, und sie ist so groß, und zum Eierlegen ist sie auch zu blöd.“ Und nun lachten alle Hühner die arme Henriette aus, die derweil immer noch in ihrem Nest saß und sehr sehr traurig war. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, dass es mit dem Eierlegen nicht klappte. Je mehr sie sich auch bemühte und hinten drückte, es war kein Ei zu sehen.
Wieder musste Tortelloni von seinem Misthaufen steigen, um für Ruhe im Stall zu sorgen. „Es wird immer schlimmer mit den Hühnern“, beklagte er sich bei Brutus, dem alten Hofhund. “Ich bin auch nicht mehr der Jüngste und würde am liebsten auf einem Hof in meiner Heimat Italien meinen Lebensabend verbringen, es wird mir alles zu viel. Aber wer soll dann hier für Ordnung sorgen? Ein Nachfolger ist nicht in Sicht und die Hühner werden immer verrückter.“ So ließ er noch mal ein lautes Kikeriki ertönen, reckte wieder einmal die Brust, um sich Respekt zu verschaffen, und betrat den Stall.
Die Hühnerdamen hatten sich mittlerweile um das Nestchen Henriettes versammelt und jede versuchte nach dem armen Tierchen zu hacken. Als plötzlich der stolze Tortellini sah, was niemand bisher gesehen hatte, nicht einmal der Bauer. „Ruhe! Kikeriki! Ruhe!“, donnerte der alte Hahn und machte der bösen Hühnerschar kräftig Beine. Die rannte gackernd umher und mit einem Mal wurde es ganz leise im Hühnerstall, denn vor lauter Angst hatte Henriette tief Luft geholt und als sie vor Erleichterung auspusten wollte, weil der Hahn sie gerettete hatte, ertönte ein lautes kräftiges Kikeriki. Henriette war gar keine Henriette, sondern ein Henry!
Das war es also was Tortelloni gesehen hatte, es war ihm wie Schuppen von seinen bunt- umfederten Augen gefallen. Das zerrupfte Hühnchen war ein zarter, wenn auch noch kein bunter, Hahn.
Und so freute sich die ganze Hühnerschar, am meisten Henry, der ja nun sehr erleichtert war, den Grund zu wissen, warum er keine Eier legen konnte. Aus ihm wurde ein sehr stolzer, bunter Hahn und er führte seine Hühnerschar liebevoll und gerecht. Was nicht so einfach war, wie man sich ja denken kann, bei so verrückten Hühnern. Torttelloni, der alte Hahn, erfüllte sich seinen Traum und zog ins sonnige Italien, und nahm Agathe und seine kleinen Tortellinis mit. Dort wurden sie sehr glücklich und der alte Hahn konnte sich endlich von den Mühen seines Lebens ausruhen. Und auch der Osterhase freute sich, denn wirklich schmecken tun nur die Eier von glücklichen Hühnern, und das sind ja letztlich alle geworden. Und wenn ihr mal nach Italien kommt, vielleicht trefft ihr ja unseren weisen, alten Hahn Tortelloni…dann grüßt ihn schön von seinem Freund Henry.
                                                       Sabine Kirsch36

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

6 + 3 =


Beiträge – Kalender
Dezember 2019
M D M D F S S
« Nov    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  
Neue Kommentare