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Der Sandsammler

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 Der  Sandsammler

An dem Strand  konnten Bewohner  und  Feriengäste fast  jeden Tag einen merkwürdige  Mann sehen – hoch und hager, in der Kleidung, die auf ihm immer wie auf dem Kleiderbügel hing. Er  setzte sich auf besonders geliebte Plätzte und suchte etwas mit dem Vergrößerungsglas. Er ist Sandsammler….Ja, wie die
anderen, die wertvolle Dinge, Kunst, Schallplatten, Briefmarken oder Bierflaschen kollektionieren, sammelt er Sandkörnchen. Zu Hause hat er viele Schränke mit Mappen, wo auf jedem Blatt( jedes mit gezielt von ihm erfundener Vergrößerungsfolie gedeckt) mit ausführlichen Anmerkungen die Sandkörnchen  eingeordnet sind. Der Sand  an diesem Strand war wirklich einzigartig – großkörnig und bunt. Das war ein Grund, warum er sich  in der Nähe niedergelassen hatte. Er behauptete, dass man zwischen seinen Funden alles – Sternschnuppe, Lava, unzählige  Minerale und sogar  Edelsteine- finden kann; alles natürlich so winzig wie ein Sandkorn. Das größte Vergnügen für ihn war etwas Bizarres, Eigenartiges  zu finden.

Er  war Baumeister von Beruf und suchte auch Inspiration in seinem Hobby. Allmählich war es schon mehr als nur sein Steckenpferd geworden. Es wurde die wichtigste Beschäftigung  seines Lebens  und er war damit ganz glücklich. Er hatte eine Konstruktion aus dünnsten, metallischen Gerten gebastelt. Bei passendem Wetter und einem besonders schönem Sonnenuntergang platzierte er diese Konstruktion am Strand  vor die Brandung, setzte auf sie einen kleinen Sockel, und  legte ein Sandkörnchen auf, so dass es aussah, als schwebe der Sockel in der Luft. Oder er baute aus einigen etwas wie z.B. Miniaturkopien von Stonehenge oder noch etwas Erstaunliches. Dann setzte er sich in den Sand vor diese surrealistische  Konstruktion  und beobachtete wie das Licht und die Farben sich vermischen im Wasser und auf zierlichem Sockel schillern.

Zuerst  bildete sich eine kleine Gruppe aus Menschen, die in diesem Mann für sich einen neuen Buddha  und  Guru zu finden hofften, aber weil er kein  Wort von sich aus gesprochen hatte, verließen sie  ihn  mit  Verlegenheit und  Enttäuschung. Natürlich hatte er viele Bekannte und ein paar echte Freunde, freilich die andere Menschen konnten ihn nicht  verstehen – was macht er, warum und wozu? Sie fragten sich, was findet er für sich in diesen  Sandkörnchen?  Er konnte  leidenschaftlich  stundenlang  von  seinen  Funden erzählen, aber gerne hörten  ihn  nur  neue  Angekommene  und  die  Kindern zu. Die Kinder, die mit ihren Eltern im Urlaub am Strand zum Spielen und Sonnen gekommen waren, hatten immer viel Spaß bei seinen Erzählungen. Sie begannen auch sofort, Sand in kleinen Plastiktüten  zu sammeln, der später von ihren Eltern (geheim vor dem eigenen Nachwuchs) ins Wasser  ausgeschüttet wurde. Selten interessierte sich jemand außer den Kindern dafür,  was er macht. Eigentlich war er noch kein alter Mann – noch keine 50 Jahre, aber er  hatte schon keine Hoffnung mehr, irgendwann für sich eine passende Lebensgefährtin zu finden. Früher oder später sind die Frauen, die mit ihm zusammen leben wollten,  aus seinem Sandkönigreich fortgelaufen.

Eines Tages sagte ihm sein Kumpel, dass ein Urlauber, der aus einem sehr entfernten Teil Russlands, Sibirien,  hierhin gekommen ist, ihm von einer Frau erzählte, die Schneeflocken sammelt! –Was?! — fragte der Mann. Habe ich richtig gehört – Schneeflocken?! Wie ist es möglich?  –wunderte er sich.

– Wenn du etwas mehr darüber erfahren möchtest, dann solltest du ihn noch heute finden. Morgen wird er schon zurück nach Hause reisen. Er heißt Viktor und wohnt  im Hotel gerade hinter diesem neuen Einkaufzentrum.

Nachdem er alle geplanten  Angelegenheiten erledigt hatte, fast am Abend, ging  der Sandsammler ins erwähnte Hotel und versuchte es sich zu vorstellen, wie es möglich ist – Schneeflocken zu sammeln? –Sie ist doch nur eine Frau, keine Schneekönigin!?  Mit eigener Vorstellungsskraft  malte er sich einen großen Raum, wo  reihenweise  Gefrierschränke stehen und dort drinnen, auf dunklem Samtpapier, gefrorene Schneeflöckchen liegen. Wahrscheinlich ist es wichtig immer die richtige Temperatur aufrechtzuerhalten – dachte er.

Die  Angestellte an der Rezeption im Hotel verstand sofort, wen der Mann  finden wollte. Sie telefonierte mit dem Sibirier und nach kurzer Zeit kam Viktor mit dem Aufzug in die große Empfangsgshalle hinuntergefahren.

Er war nicht groß, schmalaugig, hatte wettergebräunte Haut und sprach Englisch mit merkwürdigem lispelndem Akzent. Nach einigen höflichen Fragen sagte der Sandsammler,  was er ihn eigentlich fragen wollte. — Ob er wirklich eine Frau kennt, die Schneeflocken sammelt?

–Ach das! –  der Sibirier lachte laut auf — Nein, ich kenne diese Frau nicht persönlich. Ich habe von ihr nur in einem Schulaufsatz  gelesen. Das war ein städtischer Wettbewerb zwischen Schülern verschiedenen Altersgruppen und ein Junge aus der jüngsten Gruppe stellte so seine Mutter dar. Wenn Sie das etwas genauer wissen möchten, dann versuche ich ihn zu finden, aber  erst in zwei Monaten. Die Schüler haben jetzt noch  zwei Monate lang Ferien.

Der beiden Männer tauschten die E-Mailadressen aus und der Sandsammler wünschte ihm eine gute Heimreise.

Mitte September bekam er endlich die Mitteilung – der Junge befindet sich im Stadtinternat.  Er ist nur 10 Jahre alt und behauptet, dass seine Mutter tatsächlich Schneeflocken sammelt und es ist keine Phantasie; aber wie sie das macht ist das Geheimnis!  Also, was kann man von einem kleinen Jungen erwarten, wenn er fast neun Monaten im Internat wohnt  und seine Mutter nur in den Ferien  sieht? Natürlich ist die Mutter für ihn eine Zauberin. Trotzdem hat sich der Mann entschlossen, nach Sibirien zu reisen,  um diese Frau kennen zu  lernen.  Es dauerte  alles sehr lange – er wollte von der Frau  die Erlaubnis  haben, sich mit ihm zu treffen, aber dort, wo sie wohnte, gab es fast kein Verbindung – kein Internet, und auch mit dem Mobiltelefon konnte ihr Sonn sie nicht immer erreichen. Außerdem musste er noch eine Einladung und ein Visum  kriegen, die er nur mit der Hilfe des Sibiriers aus dem Hotel bekommen hatte. Also, erst im Februar stand er im Flughafen,  vollständig  vorbereitet und  mit vielen warmen Kleidungsstücken im Koffer. Dann begann die  Reise – erster Flug: Vier Stunden. Nächster Tag: Noch sieben Stunden Flug nach Salechard. Dort holte ihn der Sibirier vom Flughafen ab und dann sollte er zwei Tagen  im Hotel auf den Hubschrauber  warten, der  ihn zu dem Ort bringen sollte. In diesen zwei Tagen ist ihm klar geworden, dass ihn seine warmes Jacke und seine Schuhe vor diesem mächtigen Frost mit durchdringendem Wind  vielleicht nicht retten könnten.  Am nächsten Tag, nach starkem Schneesturm, konnte er doch mit dem Hubschrauber weiter fliegen. Nach mehr als zweistündigem Flug über Tundra, Flüsse und dichte Wälder landeten sie  weit vor dem Waldrand auf einem weiten verschneiten Feld. Dort, in einiger Entfernung, standen Leute mit zwei Motorschlitten und noch einem größeren Schlitten mit vier eingespannten Rentieren. Sobald der Hubschrauber gelandet war (inmitten von Schneewolken, die von den rotierenden Luftschrauben hochgewirbelt wurden), kamen die Wartenden sofort mit ihren Schlitten herangefahren. Der Mann  sprang aus dem Hubschrauber heraus und sank bis zu den Knien in den Schnee.  Er wurde nur kurz begrüßt von den Einheimischen – drei kleingewachsenen Menschen-, weil sie so schnell wie möglich den Hubschrauber  ausladen sollten, der sonst  wegen des starken Frosts nicht wieder in die Luft hochkommen konnte. In wenigen Minuten war alles fertig. Erst dann kam die kleine Frau zu dem Mann und stellte sich vor:

–Ich bin die Mutter des Jungen, der jenen Schulaufsatz geschrieben hat. Ich heiße Sanda. Mein Sohn erzählte mir von Ihrem Hobby und ich bin froh, Sie kennen zu lernen.-  Mit diesen Worten bat sie den Mann in den Rentier-Schlitten, den sie selbst leitete, und bedeckte ihn mit einem Tierfell.

Die Frau war so klein, dass sie sogar zusammen mit der Pelz-besetzten Kapuze auf ihrem Kopf kaum bis zu seiner Brust reichte. Sie hatte ein flaches Gesicht und große asiatische Augen. Beim Lachen warf  sie ihren  Kopf  so stark zurück, dass  ihr Kinn fast in den Himmel gerichtet war. Dann machte sich der kleine Zug vom Ort der Landung  in  Richtung  Wald auf. Etwas später verstärkte sich hinter ihm der Lärm vom Hubschrauber-Triebwerk, schwer begannen sich Propeller zu drehen und umgeben von Wänden aus aufgewirbeltem Schnee, hing der Hubschrauber einige Zeit über dem Erdboden, machte eine steile Kurve und flog zurück. Die Motorschlitten überholten schnell die Rentiere und erreichten schon fast den Waldrand. Es war ganz still geworden.

Die Nordhirsche rannten geräuschlos, leicht den weichen Schnee umgrabend, und  der Schlitten knirschte ein bisschen.

Unterwegs fragte die Frau ihn, wie es möglich sei – Sand zu sammeln?  Sie lachte viel. Sie erzählte ihm von sich selbst und ihren Geschwistern und  ihr Englisch war zur Überraschung des Mannes sehr gut.

Als kleines Mädchen lebte sie, wie jetzt ihr Sohn auch, im Internat und deshalb kann sie gut Englisch. Außer  ihr konnte nur ihr jüngster Bruder Englisch sprechen,  weil er auch im Internat war. Zwei ältere Brüder und Schwestern  sind dagegen immer mit den Eltern bei dem Rentierzüchten geblieben und, wie alle andere Verwandte, sprechen sie nur Nenzisch* und ein bisschen Russisch. Sie alle sind aus einem ursprünglichen Volk  Sibiriens, das Nenzen heißt. Das Volk nennt sich selbst “ Söhne des Rentiers“. Eigentlich waren sie immer nur Nomaden, und sollten alle drei Tage an einen neuen Ort umziehen.  Heute  hängen sie  nicht mehr so stark wie früher von ihren Tieren, der Jagd und dem Fischen ab. Der  Hubschrauber liefert ihnen ein oder zwei Mal pro Monat  einige Lebensmittel, Akkumulatoren und für Kinder Spielzeuge und Bücher. Manchmal können sie sogar fernsehen, wenn sie an einem Ort sind, wo eine tragbare Antenne das Funksendersignal empfangen kann. In  letzter Zeit möchten  immer mehr Nenzen in einer Stadt oder größeren Siedlung wohnen. Sie selbst  lebte auch mehr als 20 Jahre in der Stadt, heiratete dort, bekam einen Sohn , und erst nach der Scheidung von ihrem Ehemann, wohnt sie wieder bei ihren Verwandten im Wald oder im Sommer in der Tundra, aber nie länger als einen Monat an einem Ort. Sie hilft ihnen mit dem Haushalt, pflegt die kleinen Kinder ihrer Schwester und Schwägerinnen und näht schöne, teure Nationalkleidung aus Pelz. Sie hat auch eine eigene  kleine Herde Rentiere  – zirka 25 Tieren –  die  ihre Brüder zusammen mit eigenen Tieren hüten. Sie waren  schon fast 30 Minuten lang unterwegs und der Mann sah nur dichten Wald und kein Zeichen menschlicher Wohnstätte. Plötzlich endete der Wald vor einer großen Waldwiese. Gerade antwortete der Mann etwas, und verstummte plötzlich mitten im Satz. Die Lagerstelle erinnerte an die Siedlung der Nordamerikanischen Indianer. Viele Zelten waren mit großen Fellbälgen bedeckt und Schnee lag auf der Nordseite der Zelte. Über jedem stieg eine kleine taubenblaue Rauchsäule auf.

– Unser Heim heißt Tschum. Mach dir keine Sorgen! – Beruhigte Sanda den Gast – Drinnen ist es warm und gemütlich, nur gibt es nicht so viel Platz – lächelte sie.

Die beide standen schon vor einem Tschum. Die Frau schob den Fellschleier beiseite und betrat das Innere.   –Mach‘s dir bequem. Ich soll die Schlitten ausladen  und die Rentiere in die Herde freilassen.   Mit diesen Worten verschwand sie hinter der Felltür.

In der Mitte der Bleibe befand sich eine mit  Steinen belegte Feuerstelle. Viele für ihn ungewöhnliche  Gerüche spürte er gleichzeitig. Es roch nach getrockneten Kräutern, die in kleinen Bunden hier und da hingen, nach Tannenzweigen auf dem Boden, die auch mit Fellbälgen bedeckt waren, und noch ein bisschen nach dem bitterem Geruch von Feuerrauch; dieser vermischte sich mit dem lockenden Duft heißen Essens aus einem, in einen Pelzmantel gewickelten Topf.

(Fortsetzung folgt)

S.D.W.

*Die Nenzen sind ein uraltes Volk, welches im Ural in Sibirien lebt. Sie sind Nomaden und betreiben Rentierzucht

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