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Der Wald der Wölfe

Der Wald der Wölfe

Eiichi langweilte sich bei dem Klassenausflug. Sein Lehrer hatte betont, dass Japan ein stolzes Land sei, welches eine lange Geschichte, wichtige Traditionen und einen ausgeprägten Nationalismus hatte. Manchmal fragte Eiichi sich, ob die Erwachsenen die er kannte, es irgendwie verpasst hatten, in der Moderne anzukommen. Was zählten Traditionen und Nationalismus denn noch in der modernen Zeit? Doch das änderte nichts daran, dass der Lehrer seine Klasse zu einem Ausflug in eine abgelegene Gegend mitgenommen hatte.
Der Junge war ein Mittelschüler von fünfzehn Jahren, und in seiner Klasse relativ unbeliebt. Aus diesem Grund mied er die Anwesenheit seiner Mitschüler auch jetzt, und hielt sich ein ganzes Stück hinter ihnen auf. Sie spazierten gerade über eine Holzbrücke, die, passend zur Umgebung, in einem altertümlichen Stil gehalten wurde. Unter der Brücke spannte sich die reine unberührte Natur, zumindest soweit sie zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch unberührt und rein sein konnte.
Wenn man von der Brücke aus seinen Blick schweifen ließ, sah man Hügel um Hügel voller Wald. Die verschiedensten Bäume standen nebeneinander und waren in einem urwüchsigen Stil gewachsen, der verriet, dass sie nicht von Menschen angepflanzt worden waren. Gelegentlich blitzte es zwischen den Bäumen auf, und es war auch ein leises Plätschern zu hören. Offenbar floss ein kleiner Bach durch diesen Teil des Waldes.
„Kommt alle her!“ dröhnte plötzlich die Stimme des Lehrers.
Widerwillig näherte sich Eiichi seinen Klassenkameraden. Diese warfen ihm auch schon ein paar gehässige Blicke zu, wahrscheinlich schmiedeten sie bereits Pläne, wie sie ihn wieder mobben konnten. Der Junge sah abfällig zurück.
„Teilt euch in kleinen Gruppen auf, oder geht alleine los, und sucht Blätter von Bäumen.“ sagte der Lehrer, „Und zwar von Bäumen, die so nur in Japan wachsen. Denn sie stellen einen wichtigen Bezug zu der Kultur unseres Landes dar. Wie etwa die Kirschblütenbäume, deren jährliche Blütezeit mit einem Fest der Erneuerung einhergeht.“
Die Mittelschüler teilten sich selbst in Gruppen auf. Üblicherweise blieben die Cliquen zusammen, die auch sonst ihre Zeit miteinander verbrachten. Ein Mädchen namens Junko sah Eiichi mit einem bösen, aber auch amüsierten Blick an. Dem Jungen strich ein ungutes Gefühl den Rücken herunter. Bestimmt plante sie wieder etwas, um ihn fertigzumachen. Doch der Lehrer nahm ihn beiseite.
„Ich würde vorschlagen, dass du in eine andere Richtung gehst, als diese dort.“ sagte er, „Du bist ein schlauer Junge, und deshalb werde ich dir etwas verraten. Mein Großvater hat mir erzählt, dass das ein urtümlicher Wald ist, in welchem noch die Yokai ihr Unwesen treiben. Normalerweise warne ich die ganze Klasse, aber ich möchte nicht, dass meine eigenen Schüler mich wieder auslachen, also sage ich es nur dir, denn du machst einen ziemlich schlauen und aufgeschlossenen Eindruck. Sei einfach vorsichtig.“
Eiichi war verwundert. Dabei machte sein Lehrer doch immer so einen rationalen Eindruck, er war reichlich überrascht, dass er jetzt ihm nun irgendwelchen Schauergeschichten über Yokai erzählen wollte. Wie jedes japanische Kind wusste, waren Yokai die Kreaturen aus der Folklore. Die Elfen, Feen und Dämonen die in asiatischen Mythen existierten. Manche von ihnen sahen wie Menschen aus, die meisten jedoch nicht. Einige waren gutartig, viele waren aber bösartig. Hin und wieder verliebten sich ein Mensch und ein Yokai ineinander, und bekamen dann zusammen ein Kind, welches weder ein Mensch noch ein Yokai, sondern ein Hanyo war. Aber es wusste doch jeder, dass sie nur Mythen waren. In Europa glaubte doch auch niemand mehr an den Osterhasen oder den Weihnachtsmann.
„Ja, genau, das werde ich machen.“ sagte Eiichi nur und ging los.

Der Junge war schon seit einiger Zeit im Wald unterwegs und hatte eine kleine Lichtung erreicht. Doch noch immer hatte er keinen Baum gefunden, welcher ganz eindeutig japanisch war. Zugleich jedoch konnte das auch daran liegen, dass er keine Ahnung von Pflanzen hatte. Da hätte er in der Schule wohl doch besser aufpassen müssen. Japan war ein Land mit einem hohen Leistungsdruck, die dem Einzelnen nur wenig Freiraum ließ. Umso verlockender war es, in der Schule einfach seinen Träumereien nachzugehen, statt dem Unterricht zu folgen. Doch plötzlich hörte er ein Geräusch. Einige bekannte Stimmen näherten sich. Eiichi erkannte sie, und versteckte sich hinter einem Gebüsch.
Junko trat auf die Lichtung, dichtauf gefolgt von zwei Jungen und zwei Mädchen. Sie sahen sich suchend um, doch offenbar fanden sie nicht das, was sie gesucht hatten.
„Wie ärgerlich!“ ließ sich Junko vernehmen, „Dabei hätte ich schwören können, dass dieser Loser noch vor ein paar Minuten hier war.“
„Dann ist er halt nicht mehr da. Na und? Wir können ihn doch jeden Tag fertigmachen.“ ließ sich einer der Jungen vernehmen.
„Hier können wir ihn aber so richtig erwischen. Selbst wenn er schreit, wer sollte ihn schon hören und ihm helfen?“ widersprach eines der Mädchen.
„Wir suchen ihn! Weit kann er noch nicht sein!“ bestimmte Junko.
Eiichi duckte sich tiefer ins Gebüsch, als die Mittelschüler sich aufteilten und ihn suchten. Das war wirklich übel. Was sollte er tun, wenn sie ihn fanden? Doch plötzlich rief einer der Jungen etwas. Eiichi sah auf, und bemerkte, dass er etwas gefunden hatte, worüber er sich freute. Es schien eine Art Wolf zu sein. Doch seltsamerweise war er vollkommen weiß. Und er schien auch noch eher jung zu sein, denn er war so groß wie ein Beagle oder ein Labrador.
„Was sollen wir mit dem Vieh?“ fragte eines der Mädchen.
„Spaß haben.“ antwortete der Junge, „Der Loser ist uns ja entkommen.“
Er warf den Wolf zu Boden, und die fünf Mittelschüler versammelten sich um ihn. Die Mädchen hatten dicke Stöcke aufgehoben, und lächelten böse. Eiichi sah, dass sie vorhatten, das Tier zu verletzen, oder sogar schlimmeres. Sosehr sie ihn auch mobbten, er durfte nicht zulassen, dass Junko und die anderen einem Tier schadeten!
Eiichi sprang aus dem Gebüsch und rannte auf die Mittelschüler zu. Mit der blanken Faust schlug er einem Mädchen ins Gesicht, und trat nach einem der Jungen. Er hob den jungen Wolf auf, und rannte mit ihm tiefer in den Wald.
„Da ist der Loser ja. Los, ihm nach. Aber zwei von uns sollten besser hierbleiben, falls er zurückkommt.“ sagte Junko.
Die beiden Mädchen meldeten sich freiwillig dazu, und die anderen drei gingen los. Nach einer Weile waren sie alleine.
„Und da wundert sich dieser Loser, warum wir alle auf ihn losgehen.“ meinte eines der Mädchen, „Da versaut er uns den Spaß, so ein blödes Vieh plattzumachen.“
„Die Jungs werden ihn unseren Ärger spüren lassen.“ meinte das andere Mädchen, „Er wird schon herausfinden, wo sein Platz ist.“
Plötzlich hörten die Mädchen ein leises Knurren hinter ihnen. Sie drehten sich um… und sahen einen riesigen Wolf. Er war mindestens so groß wie ein Pferd oder eine Kuh, und sein Fell war schneeweiß. Schreiend rannten die beiden Mädchen los, doch der Wolf streckte sie mit seinen Pranken nieder und zerfetzte sie.
Eiichi hatte den Rand einer Klippe erreicht. Er war so schnell und so weit gerannt, wie er konnte, doch die anderen Mittelschüler hatten ihn eingeholt. Der Junge hatte nicht gewusst, dass der Wald so hoch im Gebirge lag, dass es hier Klippen gab. Und langsam kreisten sie ihn ein.
„Ich lasse es nicht zu, dass ihr dem Tier etwas antut!“ sagte er.
„Und wie willst du uns daran hindern?“ fragte Junko hämisch.
Eiichi drückte den Wolf beschützend an sich. Jetzt bemerkte er auch, dass dieser von den Proportionen her, eher einem Welpen entsprach, doch dafür war er eigentlich viel zu groß. Zudem schien er auch seltsam vertraut gegenüber Menschen zu sein. Ein wilder Wolf lässt sich üblicherweise nicht einfach so anfassen. Der Wolf winselte ängstlich, als er sah, dass die drei Jugendlichen die ihn misshandeln wollten, immer näher kamen.
Die beiden Jungs stürzten sich auf Eiichi, während Junko den jungen Wolf packte. Der Junge tobte und wehrte sich gegen die beiden, doch sie waren stärker als er, und schlugen auf ihn ein. Junko trug den Wolf zum Rand der Klippe, und sah Eiichi wieder mit einer bösen Belustigung an. Diesmal konnte sich Eiichi von den beiden Jungs losreißen, und stürzte sich auf Junko. Sofort rannten die Jungs ihm nach, doch Junko hielt sie zurück.
„Ich werde diesen Loser zuerst fertigmachen. Dann könnt ihr ihm den Rest geben.“ sagte sie.
Eiichi wehrte sich gegen ihre Schläge, und trat ebenfalls nach ihr. Es war eine wüste Keilerei, die von den Jungs lachend kommentiert wurde. Schließlich hatten sie den Rand der Klippe erreicht. Eiichi stieß Junko von sich und sank selber zu Boden. Doch Junko taumelte ein Stück zu weit nach hinten, und fiel über die Klippe. Der junge Wolf in ihren Armen winselte wieder.
Eiichi stand sofort auf und rannte zu ihr hin. Endlich hatte er sie erreicht. Junko hielt sich an einer Wurzel fest, während der Wolf an ihr hing. Und langsam verlor sie den Halt. Eiichi sprang vor und packte zu. Seine Hände gruben sich in das weiche Fell des Wolfes, und einen Moment später verlor das Mädchen ihren Halt und stürzte in die Tiefe.
Eiichi ließ sich auf die Wiese am Rand der Klippe zurücksinken. Der junge Wolf leckte ihm freudig über das Gesicht. Eiichi streichelte das Tier und lächelte. Er hatte es geschafft, es zu retten. Als er aufstand, sah er, dass ein noch viel größerer Wolf zu ihm getreten war. Er war schneeweiß und etwa so groß wie eine Kuh oder ein Pferd, wenn nicht noch größer. Die beiden Jungen lagen in zwei großen Blutlachen auf dem Boden. Deshalb also waren sie ihrer Anführerin nicht zur Hilfe geeilt, der große Wolf hatte sie besiegt.
Er ging näher an Eiichi heran… und verwandelte sich. Er wurde nach und nach zu einem jungen Mädchen. Sie hatte eine helle Haut und spitze Ohren, und war mit einer Art Wolfsfell bekleidet. Eiichi schätzte, dass sie etwas jünger war als er.  Auch der junge Wolf verwandelte sich. Nun sah er auch beinahe menschlich aus, allerdings wie ein Junge von etwa fünf oder sechs Jahren.
„Ich danke dir dafür, dass du meinen kleinen Bruder beschützt hast.“ sagte das Mädchen, „Du bist ein wunderbarer Mensch, und hast ein großes Herz.“
„Du hast die anderen ja getötet.“ stellte Eiichi fest.
„Dir tue ich natürlich nichts. Guten Menschen tue ich nichts zuleide.“ antwortete das Mädchen.
Er übergab ihr den kleinen Jungen. Und das Mädchen, die Yokai, wie der Junge nun wusste, lächelte ihn an und sagte: „Von nun an bist du in diesem Wald jederzeit willkommen. Du kannst mich besuchen, sooft du möchtest.“
„Bestimmt mache ich das mal.“ antwortete er.
Beide verwandelten sich wieder in Wölfe und gingen los. Eiichi freute sich. Er würde seinem Lehrer viel zu erzählen haben. Er hatte seinen Mut bewiesen, und einen kleinen Jungen gerettet. Und er hatte jemanden gefunden, der vielleicht mit ihm befreundet sein wollte.
Der Junge machte sich auf den Rückweg.

ENDE

Daniel Ziemski

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