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Meine Waschmaschine, ein Mensch wie Du und Ich

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Meine Waschmaschine, ein Mensch wie Du und ich

Die ganze Tragödie fing ziemlich banal an.
Zuerst fehlte die eine oder andere Socke, später dann schon mal eine Unterhose oder ein T-Shirt.
Ich ging gewohnt logisch an die Sache heran, soll heißen, ich untersuchte die Gummiritze zwischen Trommel und Laugenbehälter, fahndete im Flusensieb nach wiedererkennbaren Stoffresten, alles vergeblich.
Als dann ein ganzes Hemd verschwand, zerlegte ich meine Maschine in sämtliche Einzelteile. Nichts. Mein Weltbild war erschüttert. Was ging da vor? Befand sich, für mich unerkennbar, in den Eingeweiden meiner Maschine ein schwarzes Loch, oder welch mysteriösen Kräfte waren da am Werk? Entstand durch die hohe Schleuderdrehzahl ein Parallel-Universum?
Ich schraubte alles wieder zusammen und versuchte zu verdrängen.
Vorsichtshalber machte ich einen Probelauf ohne Wäsche, aber das volle Programm, mit Vorwäsche, Hauptwäsche, Nach- und Nebenwäsche. Als die Maschine in den Schleudergang hochschaltete, bekam ich eine Gänsehaut. Ein Kreischen und Wimmern zwischen Verzweiflung und Depression, und als sie auslief, hatte ich das Gefühl, sie würde bitterlich weinen. Mitleid machte sich bei mir breit, hatte ich sie doch völlig sinnlos schuften lassen.
Von nun an war ich felsenfest davon überzeugt, dass Waschmaschinen eine Seele hatten, und bei meiner handelte es sich offensichtlich um ein besonders sensibles Exemplar.
Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, spendierte ich meinem Maschinchen eine Entkalkungskur.
Jetzt hatte ich wieder ein gutes Gefühl und befüllte sie randvoll mit ausgesuchten Textilien aus dem  mittlerweile alpin anmutenden Wäscheberg, der ein Betreten meines Bades nur noch mit Kletterseil und Kompass zuließ.
Mit gespitzten Ohren machte ich es mir auf einem Klappstuhl vor meiner Maschine bequem, und versuchte, auch nur das leiseste, besorgniserregende Geräusch zu erhaschen. Doch alles, was ich hörte, konnte ich nur als Routine und Zufriedenheit interpretieren.
Doch was mir dann widerfahren ist, muss ich – aus Gründen einer besseren Nachvollziehbarkeit – detailliert und chronologisch exakt wiedergeben:

Die Maschine lief sanft aus, und ich wartete geduldig die Zeit bis zur Freigabe des Öffnungsmechanismus ab.
Ich ergriff die Entriegelung und zog das Bullauge langsam auf.
Ein lang gedehnter, hallender Rülpser kam mir entgegen, hallend deshalb, weil sich im Inneren der Trommel nicht das geringste Kleidungsstück befand.
Ich kippte von meinem Klappstuhl, überlegte noch schnell, ob ich nicht vor kurzem ein Pilzgericht gegessen hatte und kann mich nur noch daran erinnern, dass mir die wildesten spirituellen Spekulationen durch den Kopf schossen.
Nach einer Weile blieb mir nur noch eine Sichtweise übrig, nämlich die, meine Waschmaschine als gleichberechtigtes Mitgeschöpf zu respektieren. Alles andere hätte mich in den Wahnsinn getrieben.
Komischerweise hatte ich nach diesem Beschluss keinerlei Schwierigkeiten, diese neue Situation als gegeben und normal anzusehen. Ich erfreute mich noch kurz an meiner geistigen Flexibilität, dann versuchte ich die vorangegangenen Ereignisse zu analysieren:
Zuerst ließ ich meine Maschine leer ein volles Programm durchlaufen, muss frustrierend für sie gewesen sein.
Dann stopfte ich sie voll.
Ja klar! Sie muss verdammt hungrig gewesen sein, deshalb hat sie auch alles bis zur letzten Faser verspeist, würde mir auch nicht anders gehen.

Heute haben wir ein gutes Verhältnis, wir respektieren uns. Nachts schleiche ich mich öfter aus dem Haus und plündere Altkleidercontainer, Gott sei Dank ist sie nicht wählerisch. Dafür lässt sie meine Klamotten in Ruhe. Wenn ich sie mit ökologisch einwandfreier Baumwolle füttere, behandelt sie meine Wäsche besonders schonend. Und wenn mir langweilig ist, lese ich ihr aus ihrem Bedienungshandbuch vor. Ja, unsere Beziehung kann man mit Fug und Recht als emanzipiert und behaglich bezeichnen. Ich fühle mich endlich ausgeglichen, nur die Eifersucht meiner Freundin macht mir noch zu schaffen.

RT

Für Rosi, die mich zu dieser Geschichte inspiriert hat.

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