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Multikulti gescheitert? Für mich nicht!

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Multikulti gescheitert? Für mich nicht!

Im Zuge der „Flüchtlingskrise“, dem momentan schlechten Image des Islams/der Muslime und dem nie enden wollenden Thema Integration von Ausländern habe ich mir gedacht: ich gebe auch mal meinen Senf dazu.

Häufig höre oder lese ich: Multikulti ist gescheitert….
Für mich nicht! Mein Vater ist 1980 nach Deutschland gekommen, heute würde man ihn als „Wirtschaftsflüchtling“ bezeichnen.  Er erhoffte sich ein erfolgreicheres Leben in Deutschland. Angedacht war ein Aufenthalt von ein paar Jahren. Er schlug sich mit befristeten Hilfsjobs durch. Sein Bruder, Gastarbeiter einer bekannten deutschen Firma, war bereits ein paar Jahre hier und kehrte gegen Ende der 80er Jahre in die Türkei zurück.
Mein Vater lernte meine Mutter kennen und alles nahm seinen Lauf…ich erblickte das Licht der Welt J. 1983 waren Mischehen noch nicht so üblich wie heute….es gab sie aber.
Wir lebten beide Kulturen meiner Eltern. Zum Beispiel feierten wir die wichtigsten deutschen, christlichen Festtage wie Weihnachten und Ostern.  Islamische Feierlichkeiten feierten wir weniger, da mein Vater nach der Rückkehr seines Bruders keine Familie mehr in Deutschland hatte. Meine Mutter bereitete an solchen Tagen ein besonderes Essen zu, mein Vater ging in die Moschee. Gekocht wurde bei uns häufig türkisch und Balkanküche, aber auch deutsch bzw. international. Wir machten regelmäßig Urlaub in der Türkei. Gesprochen wurde so gut wie immer Deutsch, da mein Vater die meiste Zeit arbeiten und kaum zu Hause war. Türkische Musik dudelte dennoch ständig aus dem Radio J.  Später lernte ich freiwillig in einem Kurs Türkisch. Durch Unterhaltungen mit Familie und Freunden und auch durch Fernsehen verbesserte ich meine Sprachkenntnisse.
Auch mein Vater kommt aus einer Familie mit verschiedenen Ethnien…ursprünglich ist seine Familie vom Balkan, hauptsächlich aus albanischen Gebieten, aber auch Serben, Bosnier und Bulgaren. Die meisten muslimischer Religionszugehörigkeit, aber auch Christen darunter.

Unterschiedliche Abstammungen sind in der Türkei keine Seltenheit, im Gegenteil. Viele Türken stammen aus Russland, Armenien, Georgien, dem Balkan, aus arabischen Ländern und dazu gibt es mehrere Millionen Kurden. Dadurch wurde die türkische Kultur in all ihren Facetten bereichert.
Mein Vater war nie so streng, wie man es allgemein von muslimischen Vätern erwartet. Kleidungstechnisch war alles erlaubt, was nicht zu aufreizend war. Schwimmen konnten wir immer und auf platonischer Ebene war ein Kontakt mit Jungs auch nie ein Problem. Einen festen Freund sollte ich aber nicht haben  (Natürlich hatte man später trotzdem einen, nur eben heimlich J).
Ich bin nicht getauft oder gehöre offiziell einer Religion an. Ich glaube an Gott, habe Freunde aus aller Herren Länder, darunter Atheisten  und strenggläubige, aber auch viele liberale Muslime.
Der Ein oder Andere mag es kaum glauben, doch  auch in der islamischen Gesellschaft gibt es Millionen von liberalen Muslimen… in Deutschland unter anderem vertreten durch den Liberal-Islamischen Bund oder das Muslimische Forum Deutschland. Aber auch die meisten den Islam streng auslegenden Menschen sind weder gewalttätig noch eine Bedrohung. Dank psychopathischer Terroristen, die ihre schrecklichen Taten mit dem Willen Gottes begründen, scheinen mittlerweile viele Menschen zu glauben, dass alle Muslime radikal seien. In der Grundschule besuchte ich den evangelischen Religions- und später stattdessen dann Philosophieunterricht.

Der Stadtteil, in dem ich jetzt lebe, ist ziemlich verrufen. Ein großer Anteil der Bevölkerung hier ist bunt gemischt aus der ganzen Welt. Die größte Immigrantengruppe stellen Türken dar,  dicht gefolgt von Arabern und Kurden. Es gibt Afghanen, Roma, Albaner, Bulgaren, Rumänen, Polen, Armenier, Russen, Chinesen, Afrikaner usw.
Wenn Probleme entstehen, hat es häufig mit jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen zu tun. Oft sind dies Menschen, die keine gute Schulbildung haben, keinen Beruf bzw. keine Arbeit. Die sich langweilen, auf der Straße rumhängen, die in Spielhallen gehen und ihr von den Eltern erarbeitetes, erspartes Geld in Autos oder Spielautomaten, womöglich sogar in Drogen investieren. Manche Menschen, ohne Ziel und Aufgabe, geraten irgendwann auf die schiefe Bahn, vielleicht auch um in ihrer Umgebung respektiert oder sogar gefürchtet zu werden. Desweiteren wollen Sie sich mit Statussymbolen schmücken, wie teuren Handys, Autos, Markenkleidung. Manchmal ist es auch blanker Frust, den sie mit Gewalt an irgendjemandem ablassen zu müssen glauben ….
In dem Teil Essens, in dem ich aufgewachsen bin, war die Bevölkerung ebenso bunt gemischt. Die Voraussetzung der jungen Leute war genau die Gleiche wie der der vorher benannten Jugendlichen. Überraschenderweise ist aus den meisten meiner Bekannten „etwas geworden“, wie man so schön sagt. Die Erziehung ihrer Eltern war oft strenger als die heutige Erziehung…sicherlich ein wichtiger Faktor. Auch die Schulbildung war meist eine bessere.

Warum aus manchen Menschen gleicher Herkunft und sozialer Schicht „etwas“ wird und andere kein stabiles Leben aufbauen können, vielleicht sogar auf die schiefe Bahn geraten, kann man nicht in einem Satz erläutern. Mir zeigt dies aber, dass die Herkunft im Grunde VÖLLIG egal ist. Eine Prägung durch Erziehung, Traditionen und Religion, Zeitgeist und Gesellschaftsentwicklungen  ist trotzdem völlig natürlich.
Bliebe vielleicht am Rande zu bemerken, dass der Islam (sowie andere Religionen, abgesehen von unseren Gesetzen J ) Kriminalität und Konsum von Drogen nicht gut heißt, im Gegenteil: es ist verboten… was wiederum  die These unterstützt , dass das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat bzw. das Eine das Andere nicht verursacht .
Aber auch ehemalige geläuterte  Jungkriminelle könnten dazu beitragen die Teenies  von heute auf den Straßen z.B. als Streetworker anzusprechen und durch ihre negativen Erfahrungen Hilfestellungen zu geben um zu vermeiden, dass sie herumlungern und ohne Ziel durchs Leben gehen. In Berlin z.B. gibt es solche Modelle bereits vereinzelt.

Mein Kind wächst nun auch in einem „Multi-Kulti“-Stadtteil auf. Ihre Freunde kommen ebenfalls aus allen Teilen der Erde. Man wird ab und zu gefragt, wie man nur in diesem Stadtteil  leben könne…und dann noch mit einem Kind….hier gibt es genauso viele ruhige Gegenden, mein Ortsteil ist beschaulich, hauptsächlich Familien leben hier und viel Grün gibt es auch.

In Medien jeglicher Art liest man derzeit Kommentare wie
„Terrorgruppe Islamischer Staat: Das sind auch alles Moslems! Wenn der Islam nichts mit Terror zu tun hat, wieso sind dann alle Terroristen Muslime? Gewalt und Kriminalität kommen hauptsächlich von Muslimen!“
„Diesen und jenen Vorfall  in Flüchtlingsheim XY sollten sich mal die ganzen Gutmenschen anschauen… eine Horde Islamisten hat dort eine christliche Familie schikaniert/bedroht/geschlagen“
„Die ganzen Roma hinterlassen überall ihren Dreck und kommen nur hier hin um Kindergeld zu bekommen“
„Die Türken/ muslimische Immigranten/ Ausländer wollen sich nicht integrieren“
„Mit solchen Vorkommnissen sollten sich die ganzen Gutmenschen mal beschäftigen, sie leugnen das Alles und wollen jeden rein lassen“

Und so weiter, und so fort.

Ist man mittlerweile wirklich der Ansicht, dass einem normalen Menschen, unabhängig von Herkunft und Religion, soweit er so etwas wie ein Gewissen hat, solche Dinge völlig egal sind? Dass man sich nicht damit beschäftigt? Dass man alles, was ein Moslem / Kriegsflüchtling /Armutsflüchtling / Migrant tut, gutheißt?
Es klingt vielleicht nach überstrapazierter Floskel, aber es ist Fakt und wird durch Statistiken belegt: in jedem Volk gibt es gute Menschen, aber auch Kriminelle und Gewaltbereite, Faule und Fleißige (wobei Rechtspopulisten nun sagen werden: „Diese Statistiken sind alle gefälscht, die Polizei wird gezwungen die Kriminalität von Migranten und Flüchtlingen zu verschweigen!“).
Eigentlich haben doch die Meisten von uns denselben Wunsch: eine ausgeglichene und unproblematische Lebenssituation für unser Land und wenn möglich ein Ende aller Kriege. Ja, es gibt bei uns schon länger einige Probleme und Hürden. Diese müssen benannt und soweit wie möglich gelöst werden. Einige Organisationen und Einzelpersonen und Kirchen in meinem Stadtteil  und in sehr vielen anderen deutschen Städten, aber auch der Staat, versuchen dafür Strategien und Hilfen zu finden.
Was das Thema „Flüchtlinge“ betrifft hoffe ich in allererster Linie, dass die Kriege in Syrien und anderen Regionen alsbald enden und die Menschen gar nicht erst ihr Land verlassen müssen. Leider zeigen Beispiele wie etwa  viele afrikanische Staaten, aber auch Irak und Afghanistan, dass das eine langwierige Problematik darstellen wird.

Ich finde, dass jedes Volk, auch das Deutsche, seine Traditionen und Werte pflegen sollte, da genau das die Vielfalt in unserer Welt ausmacht. Auch für Ängste der Bevölkerung vor den Folgen der derzeitigen Situation muss Verständnis aufgebracht werden und diese bei der Lösungsfindung deutlich berücksichtigt werden. Die Bedingung sollte aber sein, dass Meinungsäußerung nicht mit Rassismus einhergehen darf. Es muss doch möglich sein über solche Themen ohne Vorurteile beider Seiten diskutieren zu können, also ohne dass man als Nazi bezeichnet wird, wenn man seine Meinung und Sorgen (sachlich) äußert, und ohne Flüchtlinge und Migranten unabhängig von ihrer Herkunft als Kameltreiber, Lügner, Terroristen, Abschaum etc. zu betiteln, sie zu diskriminieren oder ihnen sogar, wie leider in den letzten Wochen wieder häufiger in den Nachrichten zu hören, Gewalt anzutun.
Rechtspopulistische, aber auch rechtsradikale, gewaltbereite Gruppen nutzen die momentane Situation und  Ängste der Menschen dazu, ihren Rassismus zu verbreiten und Sympathisanten zu gewinnen. Vor allem im Internet, aber auch auf Kundgebungen und im alltäglichen Leben äußern sie ihr Gedankengut, nutzen tatsächlich passierte Vorfälle um zu hetzen, verbreiten aber auch Lügen. Sie rufen zu offener Gewalt auf.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen, die sich kritisch, aber sachlich mit der Thematik beschäftigen, nicht von dieser rechten Seite unserer Gesellschaften blenden und beeinflussen lassen.

Auch wenn man heutzutage für eine solche Einstellung als verblendeter Gutmensch bezeichnet wird: ich aus meiner (ganz persönlichen) Sicht und Beobachtung kann sagen, dass für mich Multikulti nicht gescheitert ist. Ich konnte mir dadurch viel Wissen und Erfahrungen aneignen und nicht zuletzt viele Freundschaften gewinnen.
Die positiven Erfahrungen, die man durch unsere bunte Gesellschaft gewinnen kann, sind oft sehr gut an Kindern zu beobachten….sie spielen miteinander, egal woher ihre Eltern stammen. Ob sie unterschiedliche Sprachen sprechen, nicht der gleichen Religion oder gar keiner angehören, ob sie Behinderungen haben, reich oder arm sind, es ist ihnen egal…sie treten ohne Vorurteile einander gegenüber.
Meine Tochter war vor kurzem auf der Geburtstagsfeier einer Schulkameradin eingeladen, dessen Familie aus Sri Lanka stammt. Jeder Gast bekam eine kleine, dicke Buddha-Figur als Andenken. Meine Tochter, die bisher keine Begegnung mit dem Buddhismus hatte, freute sich sehr  und fand dies überaus interessant. Zu Hause wollte sie alles Mögliche über diese Religion erfahren… J

Y.P.

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