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Sound of Silence

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Sound of Silence

Noise, Bruit, Chiasso, θόρυβος, Lawaai, Halas, Barulho, Hrup, gürültü, Larm, Bråk, Buller, Hluk, Lárma, Yalme: viele Sprachen; ein Wort und ein Zustand, den wir täglich einfach hinnehmen: Lärm = Lärmbelästigung.

Das Wort der Lärm ist zurückzuführen auf das italienische all’arme, was soviel heißt wie „zu den Waffen“.
Wenn wir Lärm sagen, meinen wir Geräusche, die durch ihre Struktur, meist in der Lautstärke, auf den Menschen störend, belastend oder auch gesundheitsschädigend wirken. Die Wahrnehmung und besonders die Bewertung, ob etwas als Lärm bezeichnet wird, sind vom Hörer abhängig.

Der Infraschall liegt unter der menschlichen Hörschwelle und ist für das Ohr fast unempfänglich. Er ist ein Bestandteil der Umgebung, kann aber auch künstlich erzeugt werden, z.B. im Verkehr oder durch technische Geräte und kann ähnliche Folgen haben wie der hörbare Schall.

Jeden Tag begleitet dich dieser kleine Dämon, an den du dich so sehr gewöhnt hast.

Am Morgen quäckt dich der elektrische Wecker mit seinem unaufhörlichen Ton aus unruhigem Schlaf. Dann ab ins Badezimmer, danach in die Küche und eine aufmunternde Tasse heißen Kaffee und was passt am besten zum Aufwachen: Radio oder Fernsehen.
Die nahezu pervers gut gelaunten Frühstücksfernsehmoderatoren, besonders die blonde Wetterfee eines bekannten Nachrichtensenders, versuchen mit schlechten Witzen und künstlichem Lachen dich bestmöglich auf den Tag vorzubereiten. Gelangweilt an dem Kaffee schlürfend lauschst du dem trostlosen Wetterbericht oder berauschst dich einfach an der Geräuschkulisse.
Auf dem Weg zur Arbeit oder sonst wohin, wirst du von lauten Hupkonzerten an der Ampel bei Laune gehalten, weil der erste in der Schlange bei Grün nicht sofort angefahren ist. Der Schwertransport scheppert ohrenbetäubend zwei Meter vor deiner Nase an dir vorbei, bei jeder Bodenschwelle krachen die einzelnen Elemente des Schwertransporters.

Am Bahnhof hat es der Pendler auch nicht leicht: krächzende, statische und knackende Durchsagen. Am Gleis gegenüber ein Streit zwischen zwei Betrunkenen um den letzten Schluck Schnaps. Die „Tussi“ neben dir quietscht und brüllt unter Tränen in ihr Handy, das ganze Gleis weiß nun das Torben, ihr Freund, mit ihrer besten Freundin geschlafen hat und zu guter Letzt fährt, mit quietschenden und ohrenbetäubenden Bremsen, der nächste Zug ein.

Am Arbeitsplatz Telefongeklingel, Heckenscheren, Motorgeräusche, Bohrer, Hämmer, Presslufthämmer, Bagger, einzelne Stimmen, die versuchen sich zu übertrumpfen, aus jeder Ecke eine anderer Radiosender usw.

Der Arbeitstag ist geschafft, der Weg nach Hause noch nicht. Im Bus neben dir hört jemand so laut Technomusik, dass deine Trommelfelle vibrieren. In Autos neben dem Bus liefern sich die Fahrer einen Wettbewerb, wer am häufigsten und am längsten hupen kann (keiner kann vor und zurück), eine gesteigerte Fortsetzung des „Konzertes“ vom Morgen, der Schopper neben dem Bus knattert lautstark aus allen Rohren, zwischendurch dreht der Fahrer am Gas, nur um zu zeigen, dass er es kann, und wie laut seine Maschine sein kann – vorrübergehende Passanten schrecken zusammen.

Auf den letzten Metern bis zu deiner Wohnung, du hast es fast geschafft, da rauschen drei Krankenwagen an dir vorbei und just auf deiner Höhe schalten sie ohne Vorwarnung ihr Martinshorn ein, ein gefühlter Herzinfarkt und Tinnitus sind die Folge.

Endlich zu Hause nach einem Tag voller Geräusche, einige angenehm andere weniger, hoffst du auf einen ruhigen Abend, doch der ist noch mindestens einige Stunden entfernt. Deine Nachbarn wissen nicht, dass man Türklinken auch benutzten kann, also hörst jede Tür, die jenseits der Wand zugeschlagen wird. Auf der Straße probieren die Halbstarken ihre aufgemotzten Autos aus,  treiben die Drehzahl der Motoren in die Höhe und lassen riesige Auspuffrohre röhren.

Langsam bricht die Nacht herein und endlich, endlich ist etwas Ruhe, doch du hast die Rechnung ohne die Kinder von nebenan gemacht, die regelmäßig bis in den späten Abend schreiend durch die Wohnung rennen; dein Wasserglas vibriert wie in Jurassic Park und du befürchtest, die Bilder fallen von den Wänden.
Nach endlosen, zähen Stunden endlich schlafen, aber Einsätze von Polizei, Feuerwehr oder Krankenwagen heulen  immer wieder durch die Nacht. Das elektrische Summen der Straßenlaterne oder die quietschenden Reifen an der Ampel machen die Nacht genauso unruhig wie Nacht davor und die davor. Müde und unausgeglichen beginnt der nächste Tag, erneut navigierst du eher schlecht als recht durch deinen lärmgeplagten Alltag.
Das folgende ist wirklich passiert:

22:30 Uhr: aus der Wohnung jenseits der Wand poltern seit nun mehr als vier Stunden trampelnde Füße. Ich entschließe mich, meine Nachbarn aufzusuchen, um sie zu bitten Ruhe zu geben, da es doch schon recht spät ist und ich ins Bett will. An der Tür kommt mir ein kleines Mädchen, vielleicht 2 ½, neugierig entgegen, ihr folgt der Vater mit einem Säugling auf dem Arm; er weiß was ich will, es ist nicht erste Unterhaltung. Es folgt eine sinnlose Diskussion über Ruhestörung und Lärmbelästigung. Er verteidigt seine Sichtweise (natürlich) und ich selbstverständlich meine. Ich hoffe auf ein wenig Verständnis, doch im Laufe des Gesprächs fallen dann zwei Sätze, die ich bis heute nicht vergessen habe:
 
„…man kann Kindern nicht sagen, wann sie schlafen gehen sollen…“
„…im Krieg konnten die Menschen auch schlafen…“
 
Nach diesen Aussagen war das Gespräch für mich zu Ende und ich bin gegangen; an diesem Abend war kurze Zeit später Ruhe, doch es war nicht unsere letzte Auseinandersetzung.

In völliger Geräuschlosigkeit können die meisten Menschen körperliche und seelische Probleme bekommen, das haben Versuche in schalltoten bzw. reflexionsarmen Räumen gezeigt, hier wird der Ton geschluckt und nicht zurückgeworfen. Bei Stille empfinden viele Menschen Angst oder Verlassenheit, und das Fehlen von Resonanz macht viele beklommen, die Stille wird als Isolation wahrgenommen und eher negativ bewertet. So kommt es sicherlich, dass Viele die seltene relative Stille kaum ertragen können und sich selbst dauerbeschallen – Radio, Fernsehen, Musik. Vielleicht ist auch der bewusste Umgang mit Stille weitgehend verlernt worden.

Lärm kann tiefschürfende Folgen und Auswirkungen auf den ganzen Organismus haben. Die Atem- und Herzfrequenz erhöht sich, der Blutdruck steigt, zudem können Veränderungen der Hirnströme, der Muskelaktivität und des elektrischen Hautwiderstands gemessen werden. Nicht nur extrem laute Geräusche können schädigen, auch dauerhafter Lärm mit niedrigerem Geräuschpegel kann gesundheitliche Folgen haben.

Auch wenn sich der Körper an die akustischen Reize gewöhnt, kann er weiter auf Psyche und Körper wirken, er kann den biologischen Rhythmus stören und Schlafstörungen verursachen.
Im Schlaf nimmt das Ohr pausenlos hörbare Geräusche auf und verarbeitet sie. Da Lärm den Körper aktiv hält, sind viele Menschen mit Einschlafproblemen belastet. Laute und Geräusche verkürzen die wichtige REM-Phase, somit ist die Erholung eingeschränkt. Beständige Geräusche ab 30 dB (Dezibel), das ist ein Flüstern, können zu Schlafproblemen führen. Bei Zimmerlautstärke (45 dB) scheiden Personen vermehrt Stresshormone aus. Je länger und stärker die Beschallung, desto schlimmer die Auswirkung.

Lärm kann zu folgenden Beschwerden und Reaktionen führen:

  • Erhöhtes Bluthochdruck- und Herzinfarktrisiko
  • Gehörschäden, Hörermüdung, Tinnitus
  • Verminderte Durchblutung
  • Kopfschmerzen
  • Kommunikations-, Lern- und Konzentrationsstörungen
  • Beeinträchtigte Leistungsfähigkeit
  • Beeinträchtigung im sozialen Verhalten, zum Beispiel durch erhöhte Aggressivität / Gereiztheit
  • Hormonelle Reaktionen: Nicht nur dauerhafte, auch kurzfristige Lärmbelastung kann die verstärkte Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin bewirken, welches den Stoffwechsel beeinflussen kann.
  • Psychische Beeinträchtigung, durch das Gefühl der Belästigung
  • Erhöhtes Unfallrisiko

Bei Kindern können Angstsymptome auftreten, beispielsweise eine erhöhte Schreckhaftigkeit. Lärm kann die Aussprache stören und die intellektuelle Leistungsfähigkeit gefährden.

„Es gibt vielerlei Lärm, aber es gibt nur eine Stille.“
Kurt Tucholsky (deutscher Journalist und Schriftsteller 1890-1935).                                                                                                                                               C.G

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