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Tag X

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Tag X

Nun dauert es nicht mehr lang, und ich spüre die Aufregung mittlerweile fast täglich mit einer kribbelnden Gänsehaut durch meinen Körper jagen.
Die kleinen, weißen Härchen an meinen Armen stellen sich auf, und egal, wie oft ich darüber nachdenke – ich kann mich einfach nicht daran erinnern, dass sie je eine andere Farbe gehabt hätten.
Draußen ist es sehr kalt, doch bringt diese Kälte auch eine unfassbare, starre Schönheit mit sich.
Das Eis glänzt und glitzert, die Oberfläche des Meeres spiegelt Millionen leuchtender Sterne und lässt ihre Abbilder tanzen, als folgten sie einer romantischen, leisen Melodie, die nur sie allein hören können.
Wenn ich draußen herumspaziere und die Wunder betrachte, die nur die Natur schaffen kann, werde ich meist ganz still und ehrfürchtig. Ich fühle mich so winzig, obwohl ich weiß, ich bin es nicht.
Im Gegenteil, es gibt Zeiten im Jahr, in denen ich zu einer der wichtigsten Personen im Leben vieler, vieler Menschen werde. Kleiner Menschen.
Wie lange ich lebe oder wann das Alles mit mir angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Es ist auch nicht wichtig. Nicht wichtig für mich!
Jeden Tag kann ich sehen, wie voller Wunder die Luft um mich herum ist – ich rieche sie, ich schmecke sie auf meiner Zunge und manchmal kann ich sie gerade noch am Rande meines Sichtfeldes als glitzernde, schimmernde Reflexe wahr nehmen.
Wenn ich draußen bin, dringen unaufhörlich Geräusche an mein Ohr – zumindest dann, wenn ich mich nicht zu einem langen, weitläufigen Spaziergang entschließe. Aber den mache ich selten – ich sehe keinen Grund darin, mich allzu weit von dem zu entfernen, wo ich mich so wohl fühle.
Ich höre die emsigen Vorbereitungen meiner kleinen Freunde, die in den Werkstätten hektischer werden, nur, weil der große Tag nun da ist.
Oft sage ich ihnen, dass sie Zeit haben, dass es nicht nötig ist, im Dezember panischer zu sein als in allen anderen Monaten im Jahr. Ich weiß, viele denken dass wir hier nur zum Jahresende beschäftigt sind, aber das macht nichts.
In jeder Woche wird hier gearbeitet, schon im Januar beginnen wir uns um die neuen Wünsche der kleinen Menschen zu kümmern, die uns im Dezember mit leuchtenden Augen belohnen. Das müssen wir, denn es gibt so viele von ihnen, und jeder Einzelne wünscht sich die halbe Welt.
Aus dem Stall dringt Stampfen und Schnauben; gern betrete ich das warme Gebäude, in dem meine treuen Wegbegleiter wohnen.
Magie liegt über dem Bauwerk, nie ist es hier schmutzig, kalt oder dunkel. Wann immer ich hierherkomme und diesen trockenen, erdigen Duft wahrnehme, fühle ich einen Moment tiefer Ruhe. Die Gewissheit, dass ich auf meinen Touren sicher bin, solange sie nur alle bei mir sind.
Rentiere sind so erstaunlich – sie können die Temperatur ihres Körpers regulieren, indem sie das Blut in ihren Beinen abkühlen und so die Wärme in den Oberkörper ziehen. Das hilft ihnen oft, wenn wir zu unserer einen, aber sehr, sehr langen und extrem kalten Ausfahrt aufbrechen.
Meine sind natürlich besonders erstaunlich und vor Allem wunderbar, denn sie gehören zu mir. Zu uns. Wir sind hier eine Familie, eine große, gut geölte Maschinerie, in der sich die Mitglieder zum Glück wirklich mögen. Meine Frau ist die, die sich um alle kümmert, unsere kleinen Mitarbeiter sind wie unsere Kinder. Wo sie herkommen? Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wo jeder von uns oder alles hier her kommt.
Meiner Vermutung nach ist es die Fantasie die uns in der Existenz festhält – die Fantasie unglaublich vieler Generationen kleiner Menschen.
Vielleicht begann jeder von uns als Imago. Jemand der in der Vorstellungskraft so deutlich ist, dass er ein Wesen, ein Gesicht erhält. Wir hier, unsere Welt, unser Schaffen und unser Leben ist ein kollektives Imago, wir sind lebendig geworden durch die Vorstellungskraft von Millionen. Wir sind Imagination. Wir sind wahr – aber nur, solange jemand an uns glaubt. Wenn dieser Glaube aufhört?
Vielleicht verpuffen wir dann. Vielleicht endet unser Zyklus wie der der Blätter, die im Herbst von den Bäumen segeln. Erlebt habe ich das nie, aber ich habe darüber gelesen und es in vielen, vielen Träumen kleiner Menschen gesehen.
Ja, wir sehen in Träume, nur so können wir erkennen, was sie im tiefsten Inneren wünschen, was wir ihnen ermöglichen können. Und wir sehen wie artig sie waren, denn das Unterbewusstsein kann nicht lügen.
Leider vermögen wir es nicht, Menschen zusammenzubauen – oft sehen wir, dass sich jemand Verstorbene zurückwünscht, oder auch Eltern, die sich die Sache mit ihrer Trennung noch einmal überlegen.
Das liegt nicht in unserer Schaffenskraft, lag es noch nie… und ich erinnere mich an Zeiten, in denen mich jedes einzelne dieser Schicksale getroffen hat, die Traurigkeit die mit diesen Wünschen verbunden war.
Aber so Kummervoll diese Anliegen auch sind – keiner von uns wurde für den Schwermut geschaffen.
Freude, Spaß, ein wenig Magie und Herzenswärme. Glänzende Augen. Strahlende Gesichter und vor Allem Fantasie, der Erhalt der Fantasie ist das, was unser Überleben sichert.
Ich lasse meine Hand über Cupids warmen Rücken gleiten. Er schnaubt mich an und ich srentiertreichele ihn zwischen den Augen.
Rentiere werfen ihr Geweih im Winter ab – nur meine nicht.
„Bald ist es so weit, unsere Zeit rückt näher“ sage ich leise, und alle schauen mich aufmerksam mit ihren großen, samtenen Augen an.
„Der Sack wird gerade geschlossen. Ihr werdet bald geholt, um angespannt zu werden. Ich wollte euch viel Kraft und vor Allem Spaß für unseren Ausflug wünschen. Denkt an die für die wir es tun“
Wie immer werden die Tiere plötzlich ganz ruhig. Normalerweise stampfen sie, fressen, drücken sich gegenseitig aus dem Weg oder laufen einfach nur herum – aber jedes Jahr, wenn ich ihnen Bescheid gebe dass wir bald aufbrechen, gibt es diesen Augenblick stiller, bewegungsloser Meditation.
Ich lasse sie damit allein, denn es scheint ein intimer Moment zu sein, in dem ich sie nicht stören will.
In der großen Hauptwerkstatt empfängt mich emsiges Treiben und eine fast ohrenbetäubende Geräuschkulisse. Fast alle sind hier. In der Mitte, auf dem Platz, der dafür vorgesehen ist, steht mein Sack. Er ist prall gefüllt und reicht fast bis zur kuppelartigen Decke.
Im Januar ist der Sack klein. Leer. Er sieht dann immer fast traurig und winzig aus auf seinem weitläufigen Platz. Doch das ändert sich im Laufe des Jahres. So wie hier das ganze Jahr über eifrige Betriebsamkeit herrscht, füllt sich die braune Jute Tag für Tag, bis sie an diesem speziellen Tag die Größe und Höhe eines Hauses erreicht.
Er wird geschrumpft. Natürlich wird er das. Er ist nicht mit einzelnen Geschenken gefüllt, das gäbe ein heilloses Durcheinander und würde das Abliefern nur unnötig in die Länge ziehen. Ich habe so schon kaum Zeit, doch wie sehr würde ich alles verzögern, wenn ich erst ewig in meinem Gepäck herumkriechen müsste, um das passende Geschenk hervorzukramen?
In diesem Sack befinden sich weitere Säcke. Viele Säcke, alle sortiert und geordnet nach meiner Route. In jedem dieser Säcke finden sich die Geschenke für Abschnitte meiner Tour. Die einzelnen Säcke werden geschrumpft, sie sind aus einem speziellen Material, das mit glitzernden Fäden reinen Magiestoffes durchzogen ist. Der große Sack drum herum wächst oder schrumpft mit seinem Inhalt.
Deswegen wird er auch jetzt gerade kleiner. In dieser Sekunde wird sein gesamter Inhalt komprimiert, bis ich ihn brauche. Immer nur ein Sack, der, den ich auf meinem Abschnitt der Reise benötige, entfaltet seine Größe und steht hinter mir auf dem Schlitten. Der Rest wartet, bis er dran ist.
Wie immer dauert dieser Prozess einige Stunden, in denen die meisten meiner kleinen Freunde nicht wagen, die Hauptwerkstatt zu verlassen. Dabei könnten sie sich frei nehmen, sie könnten sich nach monatelanger Arbeit entspannen – doch jeder von ihnen werkt auf diesen einen Tag hin, und jeder von ihnen will beim Finale nicht fehlen.
Meine Frau stellt sich lächelnd an meine Seite, sie hat dampfenden Kakao in einer Tasse dabei und steckt mir meine Handschuhe und meine Mütze in die Taschen meines Mantels während ich ihn trinke. Meinen freien Arm lege ich um ihre Schultern, und wir sehen schweigend zu, wie der Sack in sich zusammenschrumpft.
Am Abend ist er fertig. Wenn seine finale Größe erreicht ist, beginnt die Plattform auf der er liegt, sanft rot zu leuchten – das Zeichen dafür, dass er bereit ist.
Auch, wenn der Sack in meinen Schlitten gebracht wird, leuchtet die Plattform weiter – das macht sie so lang, bis ein neuer Arbeitszyklus beginnt und die leere Jute an ihren Platz zurückgekehrt ist.
Meine treuen Wegbegleiter sind schon angespannt, nervös scharrend und schnaubend warten sie darauf, dass ich einsteige und ihnen den Befehl zum Aufbruch gebe.
Diesen Moment liebe ich besonders, deswegen verharre ich kurz und lasse die ganze Situation auf mich wirken.
Mein Schlitten ist riesig, er leuchtet; die vor Erwartung prustenden Tiere sind geschmückt mit Glöckchen und goldenem Engelshaar.
Meine Freunde aus der Werkstatt tanzen und hüpfen um mich herum, die Luft wirkt wie elektrisiert. Einzig meine Frau ist der ruhende Pol in der Menge, einer ihrer Hände liegt auf meiner Schulter. Auch sie sieht auf den Schlitten. In ihrem Gesicht spiegeln sich Stolz, sanfter Frieden und Freude.
Wie vor jeder meiner Reisen wende ich mich ihr zu und küsse ihre Wange. Sie strahlt mich an und hält mein Gesicht in ihren Händen, schickt mir stumme Botschaften mit ihren glänzenden Augen.
Ich nicke ihr zu, und sie lässt ihre Hände zu meinen Schultern wandern und streicht einige Falten in dem Stoff darauf glatt, eh sie mich mit einer einzelnen glitzernden Träne im Augenwinkel entlässt.
Ich spüre unbändige Aufregung, als ich unter dem Jubel aller, die das ganze Jahr so hart für diese Nacht gearbeitet habmanni2-001en, in meinen Schlitten steige und die breiten, weichen Zügel in die Hände nehme.
Bewegen muss ich sie nicht, denn meine Tiere beben vor Anspannung und galoppieren los, noch ehe ich richtig sitze. Auch sie können es kaum erwarten.
Schnell setze ich mich und winke Allen, die eilig aus dem Weg springen und sich für einen besseren Blick gegenseitig auf die Schultern geklettert sind, lachend zu.
Und schon heben wir ab. Die kalte Abendluft zerzaust meine Haare und zieht an meiner Kleidung, doch die ist zum Glück so dick gefüttert, dass ich nichts davon spüre.
Die Gänsehaut die meinen Körper bedeckt, kommt von der Vorfreude auf all die strahlenden und erwartungsfreudigen Gedanken, die mich schon bald in den unzähligen Häusern und Wohnungen überwältigen wird.
Ich werfe einen Blick zurück. Unter mir glitzert unsere Apparatur von Magie und Emsigkeit in kleiner werdenden, leuchtenden Spinnennetzen aus Licht.
Niemand kann sie sehen, niemand außer uns und denen, die sie erschaffen – lauter kleine Menschen, deren Imagination unsere Luft zum Atmen ist.
Solange auch nur einer von ihnen glaubt, werden all diese Lichter weiterleuchten.
Solange uns einer von ihnen weiterhin seine Träume schenkt, wird unsere Magie durchhalten und wir hören nicht auf, das Glänzen und Glitzern in die Welt zu tragen.
Nur einer von ihnen mit genug Fantasie verwandelt sich für alle in das Kraftwerk, das uns mit der Energie versorgt, mit der wir all die kleinen Menschen in dieser Nacht verzaubern können.
Nur einer.

JK

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