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Über Zeit und Geschwindigkeit

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Über Zeit und Geschwindigkeit
 
Zeit wird von jedem Menschen unterschiedlich empfunden. Dabei kommt es nicht nur auf die Persönlichkeit an; auch die aktuellen Umstände sowie das Lebensalter spielen eine entscheidende Rolle.

Was ist Zeit? Wissenschaftlich gesehen die vierte Dimension. Psychisch gesehen – etwa drei Sekunden.

So lange dauert nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen das Hier und Jetzt, die Worte, die sie gerade lesen und interpretieren, kurzum – die Gegenwart.

Was länger zurück liegt, ist schon Vergangenheit, gesichert in diversen Speichern des Gehirns, einschließlich der Worte „vierte Dimension“ weiter oben.

Subjektiv ist Zeit natürlich nicht gleich Zeit. Es macht einen Unterschied, ob sie den Nachtbus verpasst haben und bei Nieselregen 55 Minuten im Dunkeln an der nicht überdachten Haltestelle stehen oder womöglich im Urlaub die heißesten 55 Minuten ihres Lebens erleben.

So unterschiedlich kann die Zeit vergehen. Bei Kindern und Jugendlichen vergeht sie oft endlos langsam, bei Älteren rasend schnell. „Schon wieder (ist) ein Jahr vergangen.“
Noch ist sich die Wissenschaft uneinig, warum – meine Vermutung:

Kinder erleben jeden Tag etwas Neues, lernen jeden Tag dazu. Die Speicher im Gehirn (vom Kurzzeitgedächtnis bis zum Langzeitspeicher; Senioren können sich lebhaft an manches aus ihrer Kindheit erinnern) werden Tag für Tag mit Neuem gefüttert.
So mit 15, 16 Jahren kann es gar nicht schnell genug gehen: endlich 18 werden, volljährig, frei zu entscheiden, was man möchte, Führerschein machen und eine eigene Wohnung zumindest mieten zu dürfen.

Mit Vierzig haben sich die Meisten in ihrem abhängigen Lohnverhältnis eingerichtet, tun jeden Tag dasselbe, Routine beherrscht das Leben.

Das Gehirn bekommt kaum noch Input – die Zeit rast einfach so dahin. „Schon wieder ein Jahr vergangen.“

Noch schlimmer wird es so um die 50, wenn die Arthrose in den Zehen anklingelt, „man hat Rücken“ (aber vielleicht kein Rückgrat) und die Augen brauchen die erste Gleitsichtbrille.

Dann möchte man auf die Bremse treten, die Zeitbremse sozusagen, zumal das Unvermeidliche näher kommt. Niemand lebt ewig.

Schon länger bekannt ist die Entwicklung der Schlafdauer.

Von etwa 16 Stunden bei einem Säugling reduziert sich das Ganze auf bis unter fünf Stunden bei Senioren.

Recht neu ist dagegen die Entwicklung der Chronotypen (Frühaufsteher oder Langschläfer). Kinder sind in der Regel „Lerchen“. Das wissen Eltern, die am Wochenende mal ausschlafen oder sich näher kommen wollen.
Mit der Pubertät werden die Jugendlichen meistens Langschläfer – hier ist ein Schulbeginn um 7:30 plus Fahrt kontraproduktiv. Danach trennen sich die Wege.

Noch fast unbekannt ist die Zeitsoziologie.

Anfangs kannte der Mensch keine Zeit. Jäger und Sammler hatten erstaunlicherweise sehr viel Zeit für sich – jedoch kaum Waren.

Dann fing der Mensch an, die Zeit zu messen. Mit einem Stock in der Erde wurde die Sonnenuhr erfunden. Die ersten Räderuhren dienten noch der Seefahrt zur genaueren Positionsbestimmung.

Mit der bezahlbaren Taschenuhr und der Eisenbahn begann die Beschleunigung unserer Zivilisation.

Heute düsen wir um die Welt, schreiben dutzende E-mails täglich (und löschen genauso viele Spams), lassen Roboter Waren produzieren, die in immer kürzeren Intervallen zu Schrott zerfallen während die entfesselten, globalisierten Börsen immer schneller immer unfassbarere Geldsummen (Buchgeld – Virtuelle Währung  ohne Geldscheine, Goldbarren, Fabriken oder sonst irgendeinen realen Gegenwert) erzeugen und verschieben. Bis diese Blasen platzen.

Zitat Prof. Detlef Zühlke:

„Ja, man hat den Eindruck dass wir uns exponentiell im Zeitverhalten bewegen, d.h. die Innovations-Geschwindigkeit nimmt überproportional zu, neue Produkte müssen in immer kürzerer Zeit auf den Markt kommen und haben dafür eine immer kürzere Lebensdauer. Das wird eine spannende Frage sein, wie sich das letztendlich weiter verhält.
Wenn wir uns mal vorstellen, dass jede Exponentialkurve im Unendlichen landet.
Das Ziel können wir aber nicht akzeptieren. Es wird da also eine Lösung geben müssen, wie wir letztendlich damit umgehen werden.“ (3Sat- Themenabend)

Falls unsere Zivilisation weiter so beschleunigt, wird sie wohl irgendwann vor die Wand fahren.
Denkbar ist, dass zwischen 2025 und 2040 unsere globale HighSpeedKultur einen gewaltigen Umbruch erleben wird.

Bleibt nur die Frage, ob das Ganze friedlich vonstattengehen wird, wenn weltweit Milliarden Menschen an den Rand ihrer Existenz gebracht werden.

Nicht nur knallharte Sparprogramme für „die da unten“ – in Griechenland gibt es beispielsweise keine Sozialhilfe. Arbeitslosigkeit kann dort am Ende Obdachlosigkeit bedeuten.
Der Mittelstand stirbt ohnehin aus, bzw. verglüht in Leiharbeit und Co.

Aber auch „da oben“ kann die Luft sehr dünn werden.
Schon Ende der 1990er ist der DAX von 6000 auf 4500 gefallen; der Crash von 2008 ist noch in Erinnerung und zurzeit schlittert ganz Europa übers finanzielle Glatteis. Den USA geht es auch nicht besser.

Interessanterweise entsprechen die Summen der Staats- bzw. Bankschulden etwa den Privatvermögen der Eliten.

Laut Tax Justice Network (eine Nicht-Regierungs-Organisation, kurz NGO, die für Steuergerechtigkeit eintritt) haben die Superreichen mindestens 21 Billionen Euro in Steueroasen geparkt – was dem BIP (Brutto-Inlandsprodukt)der USA plus Japan entspricht.

Das Ganze war noch „konservativ gerechnet“ – also ohne den Gegenwert von Jachten, Villen, Privatjets und Co. (Bayrisches Fernsehen, Videotext).

Der Soziologe Prof. Ulrich Beck spricht angesichts der Lage etwa in Griechenland gar von vorrevolutionären Situationen und vergleicht Europa schon mit der DDR. Alle glaubten bis zuletzt, die Fassade würde halten. Zitat: „Keiner kann erwarten, dass das so schnell zusammenbrechen kann.“ (ARD Monitor)

Dabei scheint die Menschheit sich immer weiter in Geschwindigkeit hineinzusteigern.
Egal, ob auf der Arbeit oder beispielsweise im Straßenverkehr.

In den Wirtschaftswunderjahren gab es viele zierliche Autos, die oftmals trotz primitiver Zweitaktmotoren mit fünf Litern pro 100 Kilometern oder weniger auskamen.
Dafür reichten einem Porsche 356 damals Motorleistungen von 60 bis 110 PS aus, um freie Fahrt auf freier Überholspur zu genießen.

Damals war die Endlichkeit fossiler Energieträger kaum bewusst und ein Klimawandel aufgrund eines Treibhauseffektes, ausgelöst durch menschgemachten CO2-Ausstoß noch unbekannt.

In den 1970ern, als die Ölkrise den Westen schockierte, hatte Volkswagen seinen Golf. Der 50-PS-Benziner war mit fünfeinhalb bis sieben Litern flott zu bewegen, der Diesel noch sparsamer.
Damals wog der Ur-Golf keine 800 Kilo.
Der aktuelle Golf dagegen wiegt mindestens 1200 Kilo und kann mit 300 PS ab Werk geordert werden. Und im Volkswagen-Regal liegt der Bugatti Veyron mit 1200 PS bereit…

Wie viel Auto braucht der Mensch, um seinen Allerwertesten zum Bäcker zu bewegen – und zu welchem Preis?

Schon 2006 hat die Auto-Bild den Porsche Cayenne über die Autobahn geprügelt, Verbrauch: 66,7 Liter.
Aktuell gibt es den Geländewagen als Hybrid mit zusätzlichem Elektromotor.
Der macht besonders im Stop-and-Go-Verkehr Sinn, unterstützt bei brachialer Fahrweise den Verbrenner und erlaubt es dem Fahrer künftig, Bus-Spuren zu benutzen, wenn es nach manchem Politiker ginge.

Der vielzitierte Verkehrskollaps ist zumindest im Ruhrgebiet längst Realität. Ob es da Sinn macht, mit Hybridautos Bus-Spuren zu blockieren, ist fraglich.

Während immer stärkere Autos immer langsamer über verstopfte Straßen kriechen, ist die Börse immer schneller geworden. Spezielle Computersysteme kaufen und verkaufen im sogenannten Hochfrequenzhandel tausendfach pro Sekunde nach vorgegebenen Regeln und verschieben so unvorstellbare Geldsummen von Börse zu Börse.

Ein Mensch muss nicht mal mehr anwesend sein.

Allerdings bergen diese Regeln ein gigantisches Risiko. Es können tatsächlich unbemerkt Blasen entstehen, deren Kollaps nicht nur Banken, sondern sogar ganze Staaten in die Pleite und die Bevölkerung schlimmstenfalls in eine Art Bürgerkrieg reißen kann, auch wenn eigentlich „nur“ Buchgeld flöten geht.

Zitat: Das Geld ist nicht weg – das haben jetzt Andere.

Es scheint so, als ob unsere globale Kultur sich entschleunigen müsste – und das schnellstens. Und dass die Eliten lernen müssen, mit dem, was real ist (inklusive Jachten, Villen, Privatjets und Co.) auszukommen.
Auch wenn das Gefühl, noch ein paar Millionen Euro Buchgeld auf ein Konto zu bekommen, äh…
…naja, ein geiles Gefühl verschafft. Wie anderen die besagten 55 Minuten im Urlaub.

Quellen:
Mehrere Fernsehsendungen, eigene Rückschlüsse seit etwa 2002, Internetrecherche (vor allem Wikipedia).
MvZ

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